Wahlweise


Es gab einen beruflichen Einschnitt, der mich an die Grenzen meiner psychischen und physischen Leistungskraft brachte, und während dem ich bestand, weil ich Verantwortung übernahm und Solidarität erfuhr. Aber auch meinen Kolleginnen und Kollegen erging es nicht besser. Mit der Distanz von  heute 10 Jahren fühle ich mich in der Lage in einem Frage-Antwortspiel und dem Wechsel von Vergangenheit und Gegenwart einen Rückblick zu wagen.


Nachstehend ein Auszug aus der Novelle Wahlweise


. . .  Sag, redest du dir ein, du hättest alles nach drei Tagen im Griff gehabt? Dich eingeschlossen? Das glaubt dir doch keiner! Da war die Presse zu bedienen, die immer wieder deutlich machte, dass sie nicht verstehen konnte, was passiert war, da sie die grundlegenden Begriffe nicht kannte. Und auch nicht zuhörte. Meinte alles besser zu wissen. Da waren doch auch deine morgendlichen Sitzungen mit den Kollegen, den Stand des letzten Tages auszutauschen und für die nächsten Tage neue Methoden zu vereinbaren, das eine oder andere Problem zu beheben. Erinnerst du dich noch daran, wie ihr überlegt habt, die ungültigen Stimmen zu dokumentieren? Ihr hättet am Vorabend der Wahl 72.000 Seiten Papier ausdrucken und so zusammenführen müssen, dass jedes Wahllokal ein Verzeichnis der für ungültig erklären Wahlscheine erhalten kann. Unmöglich – weshalb ihr die ungültigen roten Wahlbriefe aus den über 100.000 zurückgekommenen Unterlagen herausgesucht und in Plastiktüten – Einfrierbeutel – gesteckt und diese versiegelt habt. Der Bundeswahleiter bestand darauf, dass die Wahllokale zu informieren sind, weil es so im Gesetz steht. Von eurer Lösung konntet ihr ihn schließlich überzeugen. Schwieriger war es, ihn dafür zu gewinnen,  dass man die ungültigen Stimmen bei der Briefwahl nach der Auszählung getrennt auszählt – was dem Grunde nach nicht zulässig ist, aber zu einer maximalen Sicherheit führen kann, wenn man den Einfluss der tatsächlich ungültigen Stimmen auf das Ergebnis abschätzen will. Das müsse man sehr diskret handhaben und das Ergebnis dürfe man auf keinen Fall veröffentlichen. Er wollte als erster informiert werden. Weißt du das alles nicht mehr?


   Doch, ich sehe es dir an, aber du erinnerst dich als jemand, der all dieses überstanden hat. Du hast auch die nächtlichen Panikattacken überstanden, wenn du jede Nacht mit etwa 2-3 Stunden Schlaf auskommen musstest, weil du dich in roten Wahlbriefen stehend in einer Horrorveranstaltung vorgekommen bist, schwitzend die Zeit bis 5 Uhr zugebracht und dann vielleicht noch eine Stunde Schlaf gefunden hast. Und ich sehe,  dass du ein wenig schmunzelst. Du denkst an deinen Wahlleiter, den Stadtdirektor, der dir in die Seite geknufft hat, dich aufzumuntern. Ihr beide würdet es Schulter an Schulter schaffen, anderswo würde man sich die Köpfe einschlagen. Du dachtest an Düsseldorf, nicht wahr?  Und du hast an deinen ehemaligen Oberstadtdirektor gedacht, der kam, bei dir im Büro  seine Briefwahlunterlagen auszufüllen. Er hätte es überall machen können. Aber er kam, dir den Rücken zu stärken. Gab dir den Rat, täglich die Zeitung zu lesen, trotz allem eine Routine einzuhalten. . . .