Für des Vaters Land


Als Nachkriegskind fehlen einem alle Erfahrungen entbehrungsreicher Kriegsjahre, man wächst aber in einer Zeit auf, die davon geprägt wird. Unverständliche Erinnerungen der älteren, Einschränkungen, deren Sinn  man nicht versteht und Wertvorstellungen die zu oft im Widerspruch zur Entwicklung des eigenen Lebens stehen. "Für des Vaters Land" versucht den Einfluss der Familienbiographie darzustellen,  nachdem alle Handelnden verstorben sind, denn es geht nicht darum, über ihnen den Stab zu brechen - aber doch muss Position bezogen werden. Mögen  das die übrigen der nachfolgenden Generation - meiner - unterschiedlich betrachten.


Nachstehend ein Auszug aus der Novelle "Für des Vaters Land"

 

. . . In der Woche darauf macht sich Elsa Gerber früh fertig und möchte noch vor dem Mittagessen das Haus verlassen. Heute wird sie alte Freundinnen wieder treffen, in Kehdingen, auf dem Hof der einen, nahe Freiburg. 50 km ist das entfernt und nur mit dem  Postbus zu erreichen. Der braucht seine Zeit, aber andere werden unterwegs noch zusteigen, so fährt man nicht alleine. Die Kaffeetafel ist recht früh vorgesehen, dass alle abends noch nachhause kommen können. Die Sonne scheint,  steht noch nicht ganz oben, da hat sie die Bushaltestelle erreicht und wartet noch 15 Minuten. „Viel Spaß beim braunen Kränzchen“, wurde sie verabschiedet, und man würde sie erst nach dem Abendbrot zurück erwarten. Sie steigt in den Bus, fünf Haltestelle weiter steigt eine Freundin mit demselben Ziel dazu, bald darauf noch eine. Die Fahrt durch das satte Wiesenland wird kurzweiliger,  Erinnerungen werden ausgetauscht, man erreicht sehr schnell die Zeitenwende. Dort hatte sich alles umgekehrt,  wurde aus „Richtig“ ein „Falsch mit Ausrufezeichen“ und es verwob sich in dem nachfolgenden Gespräch das Gestrige mit dem Heutigen zu einer Zukunft, die mit den Worten „das haben wir doch alles nicht gewusst“ genauso umschrieben werden kann wie mit der Feststellung, dass auch alles hätte anders kommen können. Warum sie heute mit dem Postbus nach Freiburg fahren würden,  sich dort der Zeiten zu erinnern, wo sie alle verantwortlich waren dafür, dass in ihren Städten und Dörfern die Frauen Socken für die Soldaten an  der Ostfront strickten und warme Winterkleidung sammelten, ergründeten sie nicht. „Was sollten wir sonst für unsere Männer tun  können?“  Und so kam es, dass alles auch hätte anders ausgehen können. So redeten sie.


Die letzten Fahrminuten wurden Sie mit einem Auto von der Bushaltestelle abgeholt. 5 Frauen treffen sich auf dem prächtigen Bauernhof nahe Freiburg. Sie reden in der guten Stube über ihr Leben, wie es geworden ist, welche Träume sie gehabt hatten und wie diese nun weiter geträumt werden können. Die Vorstellung, dass alles auch anders hätte ausgehen können, man den Krieg nicht hätte verlieren müssen, ist Teil ihrer eigenen Gegenwart, die allerdings weggeschoben wird, weil die Wirklichkeit sie an die Realität erinnert und den Überlebenskampf in ihr. Ihre Gegenwart ist die Erinnerung und eine aufkommende Ahnung davon, dass alles falsch gewesen war. Sie alle haben verloren, sehen die Schuld dafür jedoch im Sieger. Was Schicksal ist, haben sie gelernt und fühlen sich als Teil dessen. Mit ihnen ist gemacht worden, nicht sie haben etwas daran getan, geschweige versucht zu ändern. „Was hätten wir denn tun können?“ denken sie leise. Aber sehr viel lauter sprechen sie: „Wir haben doch alles für Volk und Vaterland getan.“ Und als jede ihre zwei Stück Torte gegessen und die notwendigen Tassen Kaffee getrunken hatten, wollte sie es auch mal wieder so richtig gemütlich haben,  sorglos sein können und tranken jede zwei Weinbrand,  weil man auf einem Bein nicht stehen könne. 


„Alles, was danach geredet wurde, war dem geschuldet“, sagte sich Elsa Gerber als sie später alleine im Postbus sitzend Stade fast erreicht hatte. Diese Kleinstadt nahe der Elbe und nicht weit von Hamburg entfernt war ihre Heimat geworden, schon lange gewesen,  dann hatte sie auch mal woanders gelebt und war wieder zurückgekehrt, weil ihr Mann Schwierigkeiten mit den Braunen bekommen hatte. Keine richtigen,  wirklich politischen, aber er war unbeugsam in seiner konservativen deutschen Grundhaltung. Vorbildlich, aber denen im Weg. . . .