Heute sehe ich noch einen Klebs


Es war ein ziemlich verregneter Urlaub am Meer gewesen. Tagelang hatten wir das Zelt nur auf dem Weg zum Waschhaus verlassen können. Und auch wenn es nicht möglich gewesen war, wirklich ausgelassen in den salzigen Wellen baden zu können, so hätte es doch schön sein können, wenigsten ohne Gummistiefel und Regenjacke am Strand herum zu laufen. Aber auch das war uns nur an wenigen Tagen vergönnt. Dennoch, gut eingehüllt war es in den Zeiten zwischen den Regengüssen und dem Sturmwind und wenn das Wasser gerade weg war möglich, zwischen den Felsen nach Muscheln und Krebsen zu suchen. Oder Schnecken. Überall lagen leere Schneckenhäuser herum, kleine gelb gezeichnete, mit weißen Linien und gelegentlich auch braunen oder sogar  schwarzen  Punkten auf ihren Häusern. Manche schillerten glänzend, wie Perlmutt sah dann der Eingang aus und schien sehr wertvoll zu sein. Aber mein Vater nahm diese nicht, sondern hatte sich auf die flachen kleinen den Austern ähnliche Muscheln spezialisiert, Schnecken ließ er regelmäßig liegen.


„Passt auf“, rief er uns Kindern zu, „dass euch der darin wohnende Krebs  nicht beißt.“ Er sagte immer Krebs, dabei hieß es doch Klebs! Aber er wusste es wohl nicht besser, wie auch.


Die Tage gingen dahin, die Marmeladengläser wurden mit kleinen gelben Schneckenhäusern gefüllt. Es kamen die langen Schwertmuscheln dazu, Seesterne haben wir gefunden und natürlich unser Vater seine kleinen perlmutt-farbenen Austern, aus denen er Schmuckstücke fertigen wollte. Aber wenn immer wir eine dieser spitz zulaufenden Schneckenhäuser fanden, schauten wir erst sehr behutsam in das Häuschen hinein, ob da nicht bereits einer dieser klitzekleinen Klebse sich versteckt hätte. Es ging weniger um das Mitleid mit dieser flüchtigen Kreatur, als vielmehr darum, nicht gezwickt zu werden von seinen Zangen. Das wäre wohl, aus heutiger Sicht, kein arg so großes Problem, aber damals wurden aus diesen kleinen Zwickern in Gedanken schon einmal riesige Greifer, so leben Kinder. Sie leben mit uns und essen am selben Tisch, aber alles schmeckt anders. Und so werden aus kleinen, furchtsamen Tieren Monster, die im Spiel Schrecken verbreiten – und dieses Spiel füllt die Kinder aus. Es ist ihre Realität bis zum Abendessen und dann geben sie sich in die Hand ihre Eltern, die sie behutsam aus ihrer eigenen Realität hinüberbringen in die Realität der Träume. Dort setzen sich die Spiele des letzten Tages fort und bauen an der des folgenden.


Da sind es eben Klebse, wie kann ein Vater das auch schon verstehen. Der kann ja auch nicht so viele dieser wunderbaren gelben Schneckenhäuser in die Gläser füllen, meint immer, es wären jetzt genug. Und er, er stiefelt weiter zwischen den Felsen herum, bricht manches Mal eine dieser merkwürdigen Muscheln von den Steinen ab, wenn sich diese nicht schnell genug festgekrallt haben. Aber er hat ja auch ein Messer dabei, um sie blitzschnell vom Untergrund zu lösen, sie herauszuschälen, alles Wasser raus zu schlagen und roh zu essen. Es wundert mich heute, dass er nicht noch ein Döschen Salz dabei hatte, oder Pfeffer, um das Muskelfleisch noch ein wenig zu würzen. Vielleicht habe ich aber auch nicht genau hingesehen, denn ich war versessen auf die kleinen Klebse, konnte mich gar nicht satt daran sehen, wie sie sich mit ihren Schneckenhäusern blitzschnell im Sand einbuddelten oder, wenn das nicht möglich war, mir drohend ihre Angst einflößenden Zangen zeigten.


Als nun der Tag des Abschieds kam, haben wir das zunächst begrüßt, denn auch mit dem Fortgang der Jahreszeit, es war bereits Juli, war es hier am Atlantik auch nicht wärmer geworden, eher das Gegenteil davon. Aber da hätten auch der Wind und Regen jede Form von etwas mehr Wärme wieder zunichte gemacht, wenn sie es gewagt hätte, aus den Dünen der langen Küste hervor zu steigen. Weil aber noch Ferienzeit war, wollten wir noch einige Tage an der Meuse zubringen, im belgischen Mittelgebirge. Der Fluss würde übrigens auf Deutsch Maas heißen, wie mein Vater bei der Ankunft am dortigen Zeltplatz überrascht feststellte. Mir war es egal. Es sollte die Meuse sein, kein zu großer Fluss, aber Wasser eben. Und darauf freute ich mich schon den ganzen Tag während der Hinreise.


„Heute sehen wir einen Klebs“, dachte ich laut aber doch stillvergnügt in mich herein, als ich im Auto saß. „Heute sehen wir einen Klebs.“ Und ich dachte an die kleinen Klebse am Meer. „Es heißt Krebs“, hörte ich dann, „und wir fahren jetzt an einen Fluss. Da gibt es keine Krebse, da ist das Wasser nicht salzig. Flüsse führen Süßwasser.“ Die haben aber wirklich keine Ahnung. Natürlich würde ich noch einen Klebs sehen, jeden Tag hatte ich einen gesehen und in der Nacht auch davon geträumt. Und ein Klebs heißt auch Klebs, nicht anders. „Heute sehen wir noch Klebs.“ Es war wunderschön zu erleben, wie daraufhin alle anderen versuchten, mir ihre Welt zu erklären. Merkwürdigerweise schienen die in ein und derselben zu leben, denn meine Vorstellung vom Tag stand der aller anderen allein entgegen. Ich war aber davon überzeugt, heute noch einen Klebs zu sehen, allein schon wegen des Spaßes, dieses kund zu tun, denn einen ganzen Tag lang Autofahren ohne eine Vorstellung zu haben noch einen Klebs zu sehen ist einfach langweilig. „Heute sehen wir noch einen Klebs.“ Und wenn die meinen, dass dort keine sein würden, wo wir hinfahren, dann sehe ich den eben alleine und die anderen haben Pech gehabt. „Heute sehe ich noch einen Klebs.“


Wir erreichten die Wiese und bauten unser Klappzelt nahe dem Ufer der Meuse auf. Zuerst wurde ein kleiner Gang durch das Städtchen gemacht, einige Lebensmittel zu kaufen. Als dann alles eingerichtet war, hatten wir Zeit, den Fluss zu besuchen. Ich war fest davon überzeugt, dass der Tag mir noch einen Klebs zeigen würde und hatte das immer wieder kundgetan – aber die Reaktionen wurden immer spärlicher, sodass es dann auch keinen so großen Spaß mehr brachte. Als wir dann aber zum Fluss gingen, brachte ich die Sache mit dem Klebs wieder in Erinnerung. „Heute sehe ich noch einen Klebs“, wenn die schon keinen sehen wollten. Da war ich mir ganz sicher, auch wenn mein Vater mir dann wieder erklärte, dass das Süßwasser wäre und ein Fluss, da gäbe es keine Krebse. Aber was bedeutete das schon? Ich hatte die Vorstellung von einem Klebs, den es für mich heute noch zu sehen geben würde. Meine Welt. 


Das Wasser der Meuse war zwar trübe, aber man konnte etwas hineinsehen, so unterschied sich also Süßwasser von dem salzigen des Meeres. Es gab Gras an der Uferkante, ein recht steiles Ufer, vielleicht einen Meter hoch und dann fiel der Flussgrund sanft ab. Gelegentlich wagten sich kleine Fische bis nahe dem Rand. Und dann lag da ein Klebs im Wasser. Wir blieben ganz still und bewegten uns nicht. Ich wusste es ja, ich würde ja noch einen Klebs sehen. Und dass die anderen darin nun einen Krebs sehen würden, das ist deren Problem. Mein Vater war völlig fertig. Ein Süßwasserkrebs, solchen hatte er noch nie frei herumschwimmen sehen. Vielleicht fehlte ihm ja das Vertrauen in die Natur oder er hatte das mit dem Wasser, dem Fluss und dem Meer noch nicht verstanden, er konnte jetzt beginnen das nachzuholen. Ober aber er hatte meine Welt noch nicht verstanden, die Arglosigkeit, mit der man den Dingen entgegensehen sollte. Vielleicht hatte er bislang auch nur zu viel dummes Zeug gedacht und geschrieben, sich mit Zahlen abgegeben und so. Er wird noch Zeit brauchen, den Fluss und das Wasser zu verstehen. Deren eigene Welt zu begreifen, die Nähe und doch auch Unerreichbarkeit des Lebens dort. Und er wird es mir immer wieder versuchen wollen zu erklären, schrittweise auf dem Weg seiner Erkenntnis. 


Ich hatte damals den Klebs gesehen, die anderen auch. Ob der nun tot war oder wir nur so ruhig, dass er sich nicht gestört sah und daher auch nicht flüchtete, sondern abwartend reglos verharrte, spielt heute keine Rolle mehr. Es war ein Klebs – hätten wir auf einen Krebs gewartet, wir hätten vorbeigeschaut.



(2013) 


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