Flusen am Fluss


Mein Onkel war ein pedantischer Mann und von solch einer Pedantesse, das wir alle immer einen großen Bogen um ihn machten, das ganze Jahr über. Bis allerdings auf den Monat, da er sein Hausboot aus dem Schuppen holte, es aufpoliert hatte und sorgsam alle abblätternden Lackreste Rumpf entfernt hatte. Es war so eine Art Ölfarbe, die seiner Ansicht nach nie lange genug hielt sein Boot wirklich zu schützen. Und dabei war das Boot doch schon so alt geworden! Aber er schob das immer darauf, das er sorgsam, so nannte er das, immer zum Sommer hin, wenn er das Boot zu Wasser bringen wollte, an die Ausbesserung der Schäden ging. Da war es besser, ihm nicht in die Quere zu kommen. Er erzählte uns dann immer, warum dieses oder jedes denn nun so wichtig sei, legte Schaber und Pinsel an die Seite und wenn er dann loslegte, wurden wir das Gefühl nicht los, der hatte uns als Opfer seiner Einsamkeit gefunden, geschickt gefesselt wie eine Spinne dies mit ihren Opfern tut, nicht um uns zu verspeisen, sondern einzig die Ohren voll zu erzählen, dass es weh tun würde. 


„Er hat keine Kinder“, suchten unsere Eltern uns für ihn fast entschuldigend zu gewinnen. Warum das ein Grund sei, ihn in Schutz zu nehmen, verstanden wir nicht, spürten wir doch oft genug, dass unsere Eltern gelegentlich ganz froh waren, uns nicht zu um sich zu haben. Und da das auf Gegenseitigkeit zu beruhen schien, dachten wir auch nie sehr lange darüber nach, Erwachsene haben eben ihre Geheimnisse, und solche am Fluss wohl noch viel mehr. Denn niemand von unseren Freunden hatte einen Onkel mit so vielen Geheimnissen, wie unser sie hatte, ¬ aber deren Onkels lebte ja auch nicht am Fluss. 


Dabei war er ganz nett und hat uns nie etwas getan, außer, dass er alles so schrecklich pedantisch anfing. Wir wussten nie, wann er sein Boot zu Wasser lassen würde, obwohl wir ihn immer heimlich beobachteten und ganz genau wussten, was noch zu tun sei. Aber dann fiel ihm immer etwas Neues auf, was es auszubessern gab. Und bevor dieser Fehler nicht behoben sein würde, konnte es auch keinen Neuanstrich geben, auf den wir so sehnsüchtig warteten. Denn dann wussten wir, dass es in einer Woche soweit sein würde; soviel Zeit gab unser Onkel der Farbe immer zum Trocknen. Wir legten alles daran, ihn nicht bei seiner Arbeit irgendwie zu stören, auch wenn wir manches Mal meinten, er hätte uns in unseren Beobachtungsnestern bemerkt, wenn er plötzlich laut ins Leere sprach und Bonbons anbot. Wir fielen darauf aber nicht rein, er hatte zunächst sein Boot ins Wasser zu lassen.


Irgendwie kam es aber in jedem Jahr so hin, dass die letzte Öl-Farbschicht eine Woche vor den großen Ferien aufgetragen wurde und wir Kinder zu Beginn der großen Freiheit erleben konnten, wie er sein Boot zu Wasser lies, seine Angeln dazu packte, die Flasche Wein für den Tag, was zum Essen in einen abgedeckten Korb im Boot legte und uns, die wir wie zufällig herumstanden, fragend anschaute: „Habt ihr Eure Angeln vergessen oder noch keine Ferien?“ Dann rannten wir schreiend ins Haus, schnappten uns die bereits am Abend herausgeholten Angeln und all das Zeug. Niemand fragte uns, warum da schon frische fette Würmer eingepackt waren oder Maden und auch genug Brot zum Anfüttern der dicken Rotaugen und Karpfen. Es waren Ferien. Wir saßen mit dem Onkel in seinem Boot und der alte Diesel tuckerte leise vor sich hin, stromaufwärts ging es und nach der dritten Sandbank suchte unser Onkel eine geeignete Stelle zum Ankern.         


Dass wir bis zum Mittag keinen Fisch fangen würden, war nicht schlimm, die Ferien waren noch lang und wir wollten ja eh nur die wirklich großen. Still saßen wir im Boot, hatten unsere Posen im Blick und rührten uns nicht. Das Dach hielt die aufsteigende Sonne von uns fern, aber heiß war es schon geworden. Mücken gab es zu der Tageszeit noch keine, aber in der Stille des Flusses wirkte jeder Anflug einer Fliege wie der Angriff eines Flugzeuges. „ Ihr müsst ganz still sein, sondern werden die Fische verscheucht“, flüsterte unser Onkel. Und wen er dann sagte „schaut, da ist ein kleiner Hecht“, hatten wir wohl einige Ringe im Wasser bemerkt, unser Onkel aber einen riesigen Fisch. Er hatte doch sehr viele Geheimnisse. „Wo kommen da die Flusen her“, fragte er plötzlich. Und richtig, auch wir bemerkten die Flusen auf der spiegelglatten Oberfläche, wie sie ganz langsam dahin trieben. Und plötzlich schnappte ein Fisch zu, eine Seeforelle, wie unser Onkel es sofort bemerkte, und dann noch eine. 


„Hast du ein Loch im Strumpf?“ fragte er mich, „zeig doch mal.“ Man konnte sicher sein, dass immer ein Loch in einem meiner Strümpfe war. Aber wollte er die jetzt etwa alle stopfen, dieser Pedant? Zögernd zeigte ich ihm den einen Socken mit dem kleineren Loch, aber er wollte den andere sehen. „Der ist nicht mehr zu retten“, brummte er fröhlich und vergrößerte vorsichtig das Loch, in dem er einzelne Fäden herauszog. Was wollte er wohl mit diesen Flusen? Aber dann holte er einen ganz kleinen Angelhaken aus der Tiefe seiner Tasche hervor und nahm zunächst die dünnste Angelschnur. Mit dieser verknotete er die Wollfäden aus meiner Socke zu einem winzigen Flusenbüschel und befestigte diesen mit der hauchdünnen Angelschnur so um den Haken, dass der nur unscheinbar herausschaute. Einer von uns machte noch einen Witz wegen meiner Schweißfüße, aber mein Onkel fand das sogar gut: „Die mögen das.“ 


Als es dann später Nachmittag war und die ersten Mücken um unsere Köpfe surrten da lagen bereits fünf prächtige Seeforellen im Boot und jeder hatte große Löcher in seinen Socken, aber auch einen vom Onkel pedantisch zusammengebauten Flusenbüschel am Haken. Hochrot waren unsere Wangen vor Aufregung. Und schließlich, als der Onkel den alten Dieselmotor wieder anließ um nachhause zu fahren, waren es neun Forellen, die wir im Triumph vorzeigen würden. Die großen Löcher in den Socken waren ohne Bedeutung, jetzt in den Sommerferien. Aber Flusen am Fluss, das würden  wir nie vergessen.  



(2013)