Die Steine der Odde


Steine liegen an deinem Weg, manches Mal mitten drauf und du musst ihnen ausweichen. Sie begrenzen deine Spur und stören sie. Grenzen und Störungen vermitteln jedoch auch Einsicht, dass unser Tun begrenzt ist – auch wenn wir meinen, immer wieder eine Grenze überschritten zu haben. 


Die Felsen auf dem Gipfel eines Berges sind Ziel unserer Wünsche und Ende unserer Möglichkeiten. Die Möglichkeit des Fliegen ist dem Wanderer nicht gegeben, auch wenn er den wunderbaren Ausblick auf die Welt erreicht, seine gedachten Grenzen gerade wieder ein wenig überschritten  hat. Steine gaben uns Sicherheit, als wir uns den schmalen Pfad hangaufwärts mühten. Steine hätten den Weg zerstören können und uns töten, wenn sie nicht seitwärts abgegangen wären. 


Die Steine des Berges können nicht fliegen, die des Meeres nicht schwimmen. Sie sind fest gefügt aber auch zerbrechlich, können fallen, wenn der Berg sie freigibt, rollen, wenn die Wucht der Wellen sie treibt. Sie sind hart – und doch veränderlich. Allein ihre natürlichen  Veränderungen werden wir niemals mit unseren Sinnen erfassen können. Das Leben eines Steines ist ewig, vergleicht man es mit dem eines Menschen.


Mit Wasser und Luft geht der Stein eine wunderbare Symbiose ein, seine Farben beginnen zu strahlen, wird er von der Brandung des Salzwassers umspült. Seine Form rundet sich ab, mit jedem Wellenschlag, unsichtbar, aber nachhaltig. Angenommen, uns wäre die Gabe in die Wiege gelegt, im Augenblick der Geburt Gegenstände mit den Augen zu erfassen und uns ihrer bis zum Lebensende zu erinnern, und weiter angenommen, wir würden am Strand der Odde geboren, jener wundersamen Halbinsel im Norden Seelands, wir hätten uns sicherlich einen wunderbaren Stein erinnernd für unser Leben mitgenommen. In der Stunde unseres Todes wären wir dann in der Lage den Ort der Geburt auf wenige Meter genau zu bestimmen, denn das Meer hat unseren Stein nur wenige Meter gerollt, aber nicht sichtbar verändert. Erst die Kinder unserer Kinder und deren Kindeskinder werden anhand von Fotos eine Veränderung belegen können.      


Ich bin weder auf der Odde geboren worden, noch kann ich mich daran erinnern, was im Kreissaal damals geschah. Ich kam sehr viel später zur Odde auf Sjaelland und habe dort Steine gefunden, die mich zu diesen Einsichten geführt haben. Sie haben mir ihre wunderbaren Farben gezeigt, ihre Formen, die von Wind und Wasser angebracht worden waren. Ihre unterschiedlichen Strukturen waren freigelegt, denn diese Steine sind in der Erdgeschichte gewachsen, Schicht für Schicht und zeigen das gerne in ihrer Formen- und Farbenvielfalt. Es wird diese Steine auch anderswo geben. Nur, es war dieser Ort, da ich sie wirklich bemerkte. Die Steine der Odde regen mich genauso zum Träumen an, wie seinerzeit die Wolken meiner Kindheit, die ich in ihrem Spiel auf dem Rücken im hohen Gras liegend vor dem blauen Himmel beobachten konnte.       




(2009)