Die Ems entlang von Papenburg nach Leer


Wir sind verabredet um 15 Uhr am Papenburger Turmkanal. Den Liegeplatz der „Tremonia 2.0“ kenne ich von einigen Tagen zuvor. Der Skipper war hier gewesen, wir hatten uns gemeinsam in meiner neuen Heimatstadt Papenburg umgesehen. Anschließend fuhr er nach Dortmund zurück und wollte jetzt sein Schiff nach Leer überführen. Ob ich dabei sein wollte? Klar, solch ein Angebot kann man nicht ausschlagen. Ein paar Fotos wären sicherlich drin und überhaupt: eine sichere Kiste, denn der Liegeplatz war vielleicht fünf Geh-Minuten  vom Papenburger Bahnhof entfernt, der Leerer Bahnhof nur unwesentlich weiter vom dortigen Hafen. Die Fahrt würde höchstens zwei Stunden dauern, zuzüglich Schleusenzeiten. Ein netter Nachmittag.


Dass es ein Nachmittag werden würde, lag an den Schleusenzeiten und an der Tide. Mit ablaufendem Wasser fährt es sich einfacher und sparsamer. Um 16 Uhr können die drei Brücken hochgeklappt werden, dass wir den Hafen verlassen können. Es bleibt also Zeit für eine Tasse Kaffee, einen gemütlichen Schnack um das Schiff herum und die immer wiederkehrenden Hinweise, dass er das 2-t-Schiff ganz alleine festmachen und navigieren könne, nur den Gebrauch der Toilette wolle er mir vorher erklären, das geht unterwegs nicht mehr. Es bestand aber meinerseits keine Notwendigkeit. Auch wurde eine passende Schwimmweste herausgesucht. Die muss bereitliegen, falls die Wasserschutzpolizei mal kontrollieren kommt.


Der Wasserschlauch und die Elektrizitätsversorgung werden gelöst, solange war das Schiff von Land aus versorgt worden. Der Diesel tuckert leise vor sich hin, als die Leinen losgemacht werden. Und dann geht die Reise los. Im Funkkanal hört man Gespräche, aber ob es die Papenburger Seeschleuse ist, oder die von Leer, da muss man schon sehr genau hinhören, denn beide benutzen denselben Kanal. Und um das Bahnstellwerk zu bitten, die Brücken aufzumachen, bedarf es dann eines Handys und des Hinweises, man würde nicht vor den Brücken kreuzen, sondern während der Wartezeit das Boot festmachen. Nicht dass die denken würden, wir wollen doch nicht durch . . . Ein Güterzug fährt noch Richtung Ruhrgebiet und ich weiß, jetzt ist da ein Fenster, die Brücken zu öffnen. Und richtig. Pünktlich um 16 Uhr schließen sich die Tore und als erstes wird die Straßenbrücke aufgeklappt, dann folgen die beiden nachgelagerten Eisenbahnbrücken und ich verstehe, weshalb es das Stellwerk am Papenburger Bahnhof immer noch gibt. Erst kürzlich wurde eine Brücke zum Gleis 2 gebaut, bis dahin hieß es immer vor einer Schranke warten, die sich kurz vor Ankunft des Zuges aus Leer öffnete.  


Der Papenburger Hafen liegt vor uns und mit der Seeschleuse werden wir die Binnengewässer verlassen. Schleusen werden von nun an englisch als lock bezeichnet, lock Papenburg, lock Leer, das wird unser Weg sein. Nachdem der Binnen-Wasserweg Dortmund-Ems-Kanal/Ems seinen Kilometer 226 in Papenburg erreicht hat, geht es nun mit Km 1 weiter.  Das ist ein Tidengebiet, erfahre ich die besondere Bedeutung für den Sportbootverkehr. Da muss man die Schleusenzeiten in Abhängigkeit von der Tide anders kalkulieren, auch ist die Strömungsrichtung bei der Routenplanung zu bedenken, gelegentlich auch die Wassertiefe und dafür ist ja auch ein Echolot an Bord. 17:30 Uhr ist für uns Schleusenzeit, erfahren wir. Der Skipper nimmt es gelassen, ich aber fange an im Kopf zu rechnen. Ok, der letzte Zug von Leer geht um 21:06 Uhr, das wird reichen. Wir passieren zunächst das Eisenbahndock, ein altes Hafenbecken, in dem man auch gut einen Krimi drehen könnte, links dann der Deverhafen, rechts der Nordhafen und links wieder der Südhafen. Alles Hafenbecken, die in der Lage sind, Küstenmotorschiffe zu be- und entladen. Man mag das von Land aus gar nicht glauben. Ja, sogar Hafenrundfahrten werden durchgeführt, wenn auch an diesem Tag nur für 5 Leute! Es wird kein gutes Wetter geben. 


Vor der Seeschleuse machen wir fest und haben Zeit für einen Tee. Der Skipper erzählt von seinem Schiff, erläutert die ganze Technik und ich spüre, wie er eins werden kann damit, wahrscheinlich augenblicklich jeden falschen Takt des Dieselmotors heraushört, sofern dieser es jemals wagen würde aus dem Takt zu kommen. Ich erinnere mich an den Maschinisten in dem U-Boot-Film „Das Boot“.  Aus dem kleinen Hafen des Papenburger Yachtclubs nebenan kommt jetzt eine Flottille von Optimisten herausgeströmt. Es immer wieder ein berauschendes Bild, wenn diese klitzekleinen Jollen von den Jüngsten besegelt werden, die vielleicht alle einen Traum haben: Irgendwann ein eigenes großes Segelboot führen. Ich stelle mir vor, dass dies die Fußballmannschaft der E-Jugend des BVB ist und jeder davon träumt Profi zu werden – ganz wie sein Idol. Die Gruppe segelt flott quer über den Hafen, wie ein Schäferhund umkreist sie das Schlauchboot ihres Trainers. Dann bilden sie einen Kreis und sind sicherlich gut damit beschäftigt, sich jederzeit auf die wechselnden Windrichtungen einzustellen ¬ und der Wind nimmt zu, leichte Regentropfen nehmen jedoch nichts von meiner Vorfreude. Und auch die Optimisten segeln weiter fröhlich vor der Kulisse der Meyerwerft im Kreis. 


Wir gehen an Land und wollen die Seeschleuse (lock Papenburg) in Augenschein nehmen. Die Thea Marieke aus Rotterdam hat ihre Position  über Funk gemeldet, Weener. Und das bedeutet, dass sie bald die Seeschleuse erreichen wird. Sie wird dann auf das Niveau des Papenburger Hafens heruntergeschleust, knapp einen Meter, und wir anschließend gemeinsam mit einem anderen, sichtbar größeren Sportboot wieder herauf auf das Niveau der Ems. Der Skipper hat alle Zeit der Welt – ich werde nervös und denke an meinen Zeitplan, ganz kurz an Aussteigen, wäre hier noch  möglich. Quatsch, weg damit. Die Thea Marieke fährt in die Schleuse ein, der Schleusenwärter macht das große Schiff fest. Es hat Holz geladen. Ich denke, dass wird hier zu Mulch verarbeitet, gemeinsam mit hiesigem Torf. Der Skipper bezahlt die Schleusengebühr , vier Euro, sein Schiff wird handschriftlich in ein Buch eingetragen, er unterschreibt. Was für ein Aufwand. In aller Ruhe kehren wir zur Tremonia 2.0 zurück, erwarten das Öffnen der Schleusentore. Dann kommt das Seeschiff heraus und wir dürfen anschließend bei grünem Ampellicht hineinfahren, nur wenige Minuten nach 17:30 Uhr – es gibt hier also auch einen Fahrplan! Wir schleusen aus und machen uns auf den Weg nach Leer.


Regen hat eingesetzt, die Scheibenwischer arbeiten, irgendwann setzt der Skipper Positionslichter. Es ist noch hell, aber man wird auf die Distanz besser gesehen. Bei Dunkelheit fährt er ungern, da man dann Treibgut wie etwa eine Palette nur schlecht sehen könne. Ein großer Scheinwerfer unterstützt ihn bei An- und Ablegemanövern. Bei Nachtfahrten werden vorne zwei Scheinwerfer montiert, welche die Wasserfläche ausleuchten. Er zeigt mir die Schalter dafür. Ja, früher hatte er einmal eine elektrische Eisenbahn, gibt er breit grinsend zu. Einmal wäre ihm ein Bowdenzug gerissen, bei einem Anlegemanöver, sodass er den Lauf der Schiffsschraube nicht umkehren konnte. Ein Griff in den Motorraum, das Ding gepackt und dies eine Mal musste es so gehen. Er freut sich und ist in seinem Element ohne das zu sehr herauszustellen – es ist die Normalität, auch dieses blitzschnell zu beherrschen. Jetzt schaut er gelegentlich draußen in das ausströmende Kühlwasser seines Motors. Es ist eine einzige Schlickbrühe, aber dafür sei die Ems ja bekannt. Die Zeit geht dahin. Wir passieren einen Angler mit Schirm am Rande der Ems, Herden von Schafen auf den Deichen, die Schleuse von Weener, wovor ein Sportboot kreuzt. Er schüttelt den Kopf. Die trauen sich nicht festzumachen. Oft hat er erlebt, wie ungelenk Freizeitskipper oft beim Festmachen sind, sich nicht trauen, wenn es etwas schwieriger aussieht und dadurch natürlich keine Übung darin haben.


Er schaut in sein Buch, gleich erreichen wir die Mündung der Leda – wer rechnet mit einem solchen Flussnamen hier bei Leer? Ich selber war überrascht, als ich vor einigen Jahren erst von diesem Fluss erfuhr. Wir biegen ab und sofort sinkt die Reisegeschwindigkeit von 13 auf 12 km/h ab, gemessen mit dem GPS. Wir fahren jetzt gegen das ablaufende Wasser. Das andere Instrument zeigt nach wie vor 13 km/h – es misst die relative Fahrgeschwindigkeit zur Strömung, muss man wissen und interpretieren können. Und außerdem sind die etwas ungenau, fügt er hinzu, die Ursache kennt er noch nicht genau. Ich könne an den Wellen erkennen, dass wir gegen die Strömung fahren, meint er. Ich kann aber nicht. Dann erzählt er mir von dem Schiffer aus dem Müritzseegebiet, der hat ihm das erklärt. Man kann immer an den Wellen erkennen, wo die Gegenströmung am geringsten ausfällt. Den Kurs muss man nehmen. Das spart und man ist schneller am Ziel.   


In der Ferne erkennen wir eine hochgeklappte Brücke in den Himmel steigend. Es stellt sich heraus, dass dies die Straßen-Brücke über die Seeschleuse Leer ist. Er versucht den Schleusenwärter per Funk zu erreichen – der hat schon Feierabend. Den Hafen werden wir heute nicht mehr erreichen und von Süden her zieht eine gewaltige Regenfront auf. Wir machen am Liegeplatz für wartende Sportboote fest – und der ist östlich der Schleuseneinfahrt gelegen. Es ist 19:10 Uhr. Ich möchte heute noch nach Papenburg, der nächste Zug geht um 20:06 Uhr, der letzte um 21:06 Uhr. Den Weg hatte ich mit 3 km geschätzt, in Wirklichkeit waren es 3,5 km. Natürlich hätte ich mich auf eine solche Situation einstellen können, mal die Straße im Vorfeld herausfinden können, die Telefonnummer eines Taxis in der Tasche haben können. Ein Anruf und ich wäre in 20 Minuten am Bahnhof, trocken – und es fing jetzt immer heftiger an zu regnen. Wir sondierten die Lage. Ich würde die Schleuse überqueren müssen, ohne Brücke, die war hochgedreht. Also über die geschlossenen Tore. Das Tor zur Leda-Seite schien mir besser geeignet, wenngleich der Übergang immer wieder durch geöffnete Klappen unterbrochen wurde. Die konnte man jedoch überwinden, durfte nur nicht ausrutschen. Ein knapper Abschied, dann rüber und noch kurz gewinkt. Vielleicht ist das so bei der Schifffahrt, dachte ich kurz, konzentrierte mich dann aber auf den Weg. Etwa 45 Minuten hatte ich noch für den nächsten Zug und war nach kurzer Zeit klatschnass. Jetzt bloß keine Pause, dann kühlt man ab. Immer westlich entlang dem Hafenbecken, zweimal von Passanten eine Bestätigung erhalten, ja, das ist der Weg zum Bahnhof. Irgendwann dann vom Sommer her bekannte Straßen und Geschäfte.  Der Bahnhof in Sichtseite, noch kurz über den Kreisverkehr, der Zug läuft ein, das Tempo leicht angezogen und rein. Tür zu und los. Wie aus dem Wasser gezogen, jetzt bloß nicht hinsetzen. Die Fahrkarte – ein Online-Ausdruck – ließ ich stecken, bis jemand kommen würde. Kam nicht, konnte ich zuhause auswringen und wegwerfen. Um 20:30 Uhr konnte ich in trockene Kleidung schlüpfen.


Ich brauchte eine Zeit von dem Erlebten zu erzählen. Von der Fahrt habe ich jetzt hier berichtet. Aber da war noch mehr, ganz zum Schluss. Wie lange war es her gewesen, dass ich von einem beliebigen Ort aus aufgefordert war, mein Ziel zu erreichen. Ungeplant, nur mit einer vagen Vorstellung. Den Weg nicht genau kennend, aber auf sich selber vertrauend diesen suchend. Nicht immer alles vorausgeplant und anschließend abgehakt. Mit einem Boot unterwegs sein ist ähnlich. Vorbereitung ist ein Schlüssel zum Erfolg, dann aber Ruhe und Selbstvertrauen  keine Hektik, kein Fahrplandenken sondern ein Verständnis von Abläufen, in denen man vorkommt, deren Regeln aber vielfältig sind. Keine Anspruchshaltung, sondern Wachsamkeit, denn der Fluss und sein Wasser sind eine ganz andere Welt.            


(2013)


Andere Geschichten

zum Träumen