Der Hund meines Onkels


Mein Onkel besaß einen feinen Hund. Der konnte, so er wollte, auch schon einmal einen Fisch aus dem Fluss herausholen. Bei mir wollte er nie, und so weiß ich das auch nur aus Erzählungen meines Onkels. Und der konnte wirklich gut erzählen. Wenn man am Fluss lebt, dann fällt es einem wohl auch leichter. Man lehnt sich zurück, lässt die Füße leicht ins Wasser gleiten und es kommen mit jeder Welle neue Gedanken angeschwommen, jeder Wellenschlag löst eine neue Vorstellung der Wirklichkeit aus. Mein Onkel hatte noch viel mehr Wirklichkeiten als man Wellen auf dem Fluss zählen konnte.


Als ich nämlich während der Sommerferien mit meinem Onkel und seinem Boot hinaus gefahren war, wohl um zwei oder drei Flussbiegungen herum, da legte er urplötzlich bei einer Sandbank an und bat mich, die Wellen zu zählen. Auffällig grinsend schaute er mir dabei zu. Ich sah in seinen Augen ein kleines interessiertes Flackern. Deshalb wollte ich es ihm jetzt recht machen – aber warum er das wissen wollte, vermochte ich nicht zu fragen. Immer wieder fing ich an und merkte mir mit dem Finger, bei welcher Welle ich zuerst gezählt hatte. Aber spätestens bei der fünfzehnten Welle beschlich mich das Gefühl, überhaupt nicht weiterzukommen. Ich wusste auch nicht mehr, an welcher Welle ich angefangen hatte, alles war in Bewegung, wie sollte man da zählen können? Der Hund meines Onkels lag auf dem Boden des kleinen Bootes und knurrte in seinem Mittagsschlaf, schien zu träumen. Ich aber versuchte es ein drittes Mal. Doch auch jetzt scheiterte ich und war gar nicht glücklich über das fragende „und?“ meines Onkels. „Nichts, und“, blieb ich trotzig und versuchte es ein weiteres Mal. Doch jetzt verschwammen mir die Wellen vor den Augen. Je genauer ich hinsah, desto weniger konnte ich jede einzelne Welle noch erkennen.


Mein Onkel merkte es und faste mich am Arm. „Warum zählst du?“ fragte er. Erstaunt blickte ich zurück, es war plötzlich Furcht mit dabei, er hatte mir doch gesagt, ich solle zählen. Aber ohne eine weitere Antwort von mir abzuwarten, sprach er gleich weiter: „Warum zählst du? Nur weil ich es wollte? Am Fluss musst du allein wissen was richtig ist, was geht, was möglich ist.“ Eine Pause, während sich sein Hund ausgiebig mit geschlossenen Augen auf dem Bootsboden rekelte. Und noch eine, während der sich mein Onkel eine Zigarette anzündete. Als er mir in der fortgesetzten Pause auch eine anbot, lehnte ich das mit einer Geste ab. „Siehst du“, es geht doch „bist doch sowieso noch zu klein dazu.“ Und wenig später erklärte er mir, warum man am Waser nicht zu zählen brauche, „viel“, „wenig“ oder „nichts“ würde völlig ausreichen. „Die Fische im Wasser kannst du genauso wenig zählen wie die Wellen oben drauf.“ Und er schloss gleich an: „Wahrscheinlich noch schlechter. Also lass auch das.“ Und nach einem tiefen Zug an der dunklen Zigarette fuhr er fort: „Du spürst es wenn genügend da sind, um einige zu angeln, so wie du die Wellen immer stärker spürst als Zeichen dafür, deinen Hafen aufzusuchen. Zähle nur die Fische, die du gefangen hast um zu wissen, ob es gerade für die Abendmahlzeit reichen wird.“ Erstaunt über seine lange Rede sackte mein Onkel in sich zusammen, die Zigarette im Mundwinkel, und kraulte seinen Hund, der daraufhin im Traum noch stärker schnaufte und knurrte, auch ein wenig sabberte, wohl wissend, dass er liegen bleiben kann, solange unterhalb das Wasser weiter gluckern und überhaupt alles ein wenig schwanken würde.


Mein Onkel sprach von seinem Hafen und ich sah ihn voller Hochachtung an, sein Hafen. Ich hatte von Hamburg geträumt, wo die großen Seeschiffe beladen wurden und auch vom kleinen Kanalhafen in der Nähe wusste ich, der immer wieder Sand aus den Abbaugruben unserer nahen Hügel in die weite Welt umlud. Mein Onkel hatte auch einen Hafen für sein Boot und somit auch sich selber. Wohin er sich zurückzog, wenn sehr viele Wellen zu sehen waren, wohin er immer wieder zurückfinden würde, weshalb sein Hund in dieser Gewissheit auch gut träumen konnte. Der Hund meines Onkels wird sicherlich auch Fische gefangen haben, denn wie mein Onkel kannte auch er den Fluss, das Leben mit der Strömung und gegen sie. Mit den Winden und dem Nebel, für den es besondere Jahreszeiten gab. Mit den Mücken zum Abend hin und dem Frischen, wenn es frühmorgens hinaus ging in den sanften Dunst, der den Übergang von der Nacht zum Tag sichtbar machte in einer bedächtigen Trennung von Wasser und Luft, sobald die Sonne sich das Ganze lange genug angeschaut hatte. Der Hund meines Onkels, der Fluss und die ihn streichelnde Luft, aber auch mein Onkel und sein Boot, schienen in solchen Momenten eines zu sein, nämlich das Leben am Fluss. Dessen Geheimnisse vertraute mir mein Onkel in allen Sommerferien an. Ich verstand von Jahr zu Jahr immer etwas mehr von den Tiefen des Lebens, dem Ursprung unserer Seele und  natürlich auch von der tatsächlichen Freiheit, die es zu schützen gab. Das würde wichtig sein, wenn mein Onkel und sein Hund älter geworden, das Boot nicht mehr bewegen können und sich bereits ab den ersten Frühlingsblumen auf die Sommerferien freuen, dass ich dann mit Ihnen täglich hinausfahre. Mein  Onkel wird schauen, ob es viele oder wenige Wellen gibt. Und sein Hund Oskar wird die ganze Zeit vor sich hinträumen – vielleicht von Fischen, die er gefangen hatte, mir aber nie zeigen wollte wie.           



(2013)