Der Schrei reinen Herzens


Sie hatte die Nacht jenen stummen Schrei gehört, wegen dem sie früher sooft in der Galerie gewesen war, sich das Poster zunächst  an die Wand ihres Zimmers und später in die kleine eigene Ecke ihrer Unterkunft gehängt hatte. Es war abgegrenzt durch eine Decke vom übrigen Bereich, doch diese wurde immer wieder zur Seite geschoben. Andächtig betrachteten andere dieses Monument von Verzweiflung und Angst vor der aufziehenden Bedrohung. Diesen Schrei hatte sie immer wieder gesehen und doch nie gehört, denn das erlebte Entsetzen gewährt keinen Laut, es würde befreien, der Angst einen freien Lauf geben, aber das war nie gewollt. Guernica hatte sie später daneben gehängt, das aber hatten die Menschen nicht mehr ausgehalten. Sie beschlossen, das Bild zu entfernen und drängten sie, diese Erinnerung an ihre untergegangene Welt zu verbrennen. Sie hatte das Bild von der Wand genommen, aber die Menschen blieben mit ihren traurig-fordernden Blicken. Sie sah sich einer letzten Gewalt ausgesetzt, der Kraft jener, die im Hungerstreik ihre letzte Möglichkeit des Widerstandes sehen. Mit dem Erlöschen der Flammen spürte sie den aufkeimenden Verrat an ihren Idealen und in der dann eintretenden Dunkelheit eine unendliche Leere, denn jede Orientierung war verloren. Sie konnte sich nicht mehr in dem stummen Schrei erkennen, keine Hilfe, kein Beistand, keine Kraft mehr, denn jeder Bezug zu einer Gegenwart, irgendeiner, welche vielleicht einen Weg gewiesen hätte, war verloren gegangen. Ein stummer, verzweifelter Schrei, den Munch früher schon in ihre Seele gemalt hatte, als ob gerade er es hätte wissen können. Er wusste es, so sagte sie es sich nach Selbstzufriedenheit suchend immer wieder vor. Er wusste es.


Nun war auch dieses Bild verloren für die anderen, zurückgelassen in der Unterkunft, welche sie flüchtend verlassen musste, getrieben von den anderen und nichts mehr mit sich führend als das, was sie zufällig auf dem Körper trugen. Sie hatte das Bild im Kopf behalten, konnte jetzt nur noch davon erzählen, aber ihre Stimme war verstummt, seit sie ihr den kleinen Jungen genommen hatten, sie ihn verzweifelt zurückholen wollte, den Gegner mit Steinen beworfen hatte, weil sie nichts anderes in der Kürze der Zeit fand. Dieser aber hatte nur gelacht und sie im Wald liegen lassen, verletzt und zerrissen. Höhnisch dankten ihr alle noch einmal und ließen etwas Brot zurück. Weniger als Zeichen ihrer Menschlichkeit, als viel eher sich den Fluch ihrer Mütter vom Leibe halten zu wollen.


Das Entsetzen hatte sie in dieser durchwachten Nacht eingeholt und dem Schrei eine Stimme gegeben, einen unverständlichen Laut, den wohl nur eine Mutter verstehen kann, wenn sie ihr kleines Kind auf dem leeren Platz inmitten des vertrauten Dorfes wimmern hört. Und dieses Wimmern wurde zu einem Schrei, welches sich mit den Rufen aller anderen Seelen verband. Aufheulte und doch kein Kriegsgeschrei zu werden drohte, eindringlich Menschlichkeit anmahnte, erinnerte. Die Erinnerung schließlich führte manchen zurück in seine eigene Welt, jene, aus der er sich aufgemacht hatte zu morden, in der er jetzt wieder seinen Frieden finden wollte. Er war aber nicht mehr reinen Herzens.  


Als sie Jahre später in das alte Dorf zurückkam, den Platz wiederfand und in dessen Mitte ein kleines, abgegrenztes Rasenstück mit einer kleinen Holztafel darauf, auch einige frische Blumen, da brach sie gleichfalls wimmernd zusammen lag lange Zeit zusammengekauert an dieser Stelle. Bis ein Mann sie aufhob und behutsam wegführte. Man habe, so erklärte er ihr, das Wimmern nicht mehr ertragen können. Niemand sei damals reinen Herzens gewesen.


Sie stand auf und verließ ihr altes Dorf.



(2012)


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