Die Schlüssel

 

Den Schlüssel hatte er zurückbekommen. Jetzt saß er mit schmerzendem Kopf am leeren Tisch, starrte das Ding an und verstand es nicht. Er lag vor ihm, unnütz, da jeder Funktion schon lange beraubt. Er passte in kein Schloss, oder doch, aber das eine war damit nicht zu öffnen. Er konnte sich nicht daran erinnern, wann es zuletzt versucht worden war, dachte nach. Rost wird es sein, der das Öffnen unmöglich macht. Rost und zugleich hob er die Augen, zusammen mit einer leichten Bewegung des Kopfes, Rost, aber wieso Rost, und verwarf diese Lösung.  Das Schloss ging ohnehin immer nur sehr schwer. Und wieder fiel sein Kopf auf den abgeräumten Tisch, ging sein leerer Blick über die Platte hinweg zum Waschbecken in das er sich anschließend erbrach.  

 

Er saß am Scheitelpunkt seines Lebens fest, sah das so und verwarf jeglichen anderen Gedanken, denn es gab nur den einen Weg. Jenen nämlich, den sie beide seit Jahrzehnten gegangen waren und für den jetzt der Schlüssel nicht mehr passte, ihr Schlüssel, den sie jetzt zurückgegeben hatte. Nicht mit einer Bemerkung, dass er nicht passen würde, dass hätte er verstanden, sondern dem Hinweis, sie würde ihn nicht mehr brauchen. Während er sich ein weiteres Mal erbrach, kam ihm die Idee, dass sie diesen Schlüssel nie verwendet hatte, darum war das Schloss eingerostet. Er hörte eine Stimme sagen, dass der Schlüssel nicht für dieses Schloss gebaut gewesen sei und schlug diese mit der flachen Hand wie eine Fliege fort. Die Stimme wurde jedoch lauter, bekam ein Echo und er übergab sich ein weiteres Mal in das Waschbecken. Geschwächt hörte er die Stimme alles aufzählen und immer wieder bohrte sich der Satz in seinen schmerzenden Schädel, dass der Schlüssel nie gepasst habe. 

 

Dann stand er auf, wischte sich den Mund ab, spülte ihn von innen aus, putzte das Waschbecken sauber, lüftete das Zimmer und verschloss anschließend ordentlich die Fenster. Der Weg hinaus ließ ihn ein letztes Mal gebückt durch die zu niedrige Tür gehen, danach war er frei, erleichtert von allem, was ihn bedrückt hatte.         



(2011)


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