Die Leere der letzten Tage


In die Leere des Raumes projiziert sich die Erinnerung an das alte Zimmer, dasselbe geblieben, seit ich es zum ersten Male betrat. Es war damals leer und dunkel. Februar. Jetzt ist es Mai, ein viertel Jahrhundert später.  Es entsteht ein Blick auf Hoffnungen und erwartetes Leben. Ich fühle mich gefangen in dem was war und dem was nie geschehen ist, aus den verlorenen und verpassten Augenblicken, aus den wichtigen und den unwichtigen Dingen, welche man oft erst lange nach ihrer Zeit unterscheiden kann. Wie schwarz sind doch die Ränder der abgehängten Bilder an der grau gewordenen Tapete! Nirgendwo das Kreuz, welches ich im Sterbezimmer der Vorbesitzerin vorfand, als ich das erste Mal diese leeren Räume betrat, meinem Leben dort, in diesen Zimmern, die zukünftige Heimat zu geben.     


Die Leere des Raumes verbirgt die Freude, die Fröhlichkeit die dieser erleben durfte, auch Wut und Traurigkeit. Sie schützt mich. Ich erwehre mich der Gespenster, jene mich nicht verlassenden Gedanken an Niederlagen und Vertrauensverluste, Hoffnungen, Verzweiflung und Gedankenlosigkeiten. Und wieder wische ich mir den Schweiß aus dem Gesicht. Es sind die Tränen der Erinnerung, still vergossen, weil ich das Bild dieses leeren Hauses mit niemandem teilen konnte – und das, was es zuletzt noch enthielt, wollte niemand haben. Es war überflüssig geworden. Zeit zu gehen. Zeit zu leben, das Leben zu suchen, aus dem Überfluss der Erinnerungen herauszutreten.


Ich möchte nicht mehr in den Garten fliehen, an den Bäumen und in den Büschen mein Revier zu markieren, weil dafür kein Platz im entleerten Haus geblieben  war. Ich stehe nur im Raum, nichts erinnert, auch nicht das Damals, nein es ist fort gegangen, mit ihm auch alle alten Hoffnungen, aller Aufbruch.


Und doch war mir leicht geworden. Die Polen hatten das Haus zunächst zu einer Hälfte ausgeräumt, wie es verabredet war, gestern war der Rest drankommen. Nichts erinnert jetzt, ich hatte alles untergebracht, dem ich noch eine Zukunft bei aller Vergangenheit geben wollte. 30 Arbeitsstunden haben sie schließlich gebraucht, das Andere fortzuschaffen, dem ich keine Zukunft mehr geben konnte. Mag es auch Erinnerungen in sich getragen haben, sie waren mir das Lagern nicht wert. Ich habe mich gegen sie entschieden. 


Während ich mich noch innerlich abtaste, ob nicht doch der eine oder andere vielleicht auch nur sehr kleine Verlust Traurigkeit oder Schmerz ausgelöst hat, Sehnsucht nach einem in unerreichbarer Ferne weit zurückliegendes beglückendes Hochgefühl, Spuren von Verrat an mir suchend, erlebe ich die Erlösung. 

 

Nichts von dem, was unwiderruflich fortgetragen worden wurde, so bemerke ich es, war schon da gewesen, als ich in dieses Haus erstmals eintrat. Es war erworben, hinzugekommen, von irgendwoher mitgebracht worden. Und allein dadurch war es Teil des Hauses, meines Lebens geworden, allein dadurch, dass es irgendwann angeschafft worden war. Nur dadurch. Sie standen in keiner direkten Beziehung zu mir, nur über das Haus, das Heim, welches jetzt entleert war, traten die Dinge an mich heran. Und in dem Maße, wie die Leere des Zimmers mich von der Vergangenheit befreite, versanken die Dinge, Gedanken, Gefühle und Erinnerungen in die Bedeutungslosigkeit, sofern ich Ihnen nicht bereits einen Platz in meiner Zukunft eingeräumt hatte oder sie diesen nicht von sich aus verlangt hatten.    


(2011)


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