Die Krankheit


Er hatte auf die Müllmänner gewartet. Sie würden einen hübschen Kalender für das nächste Jahr bringen, ein weiteres gesundes Jahr wünschen und sich dankbar zeigen, wenn man Ihnen eine Kleinigkeit für ihre Weihnachtsfeier zukommen ließe. Sie haben es sich verdient, auch wenn es eigentlich nicht mehr richtig sei, sie so offiziell zu belohnen, sie würden nichts anders oder besser machen, würden seinen Abfall genauso regelmäßig abholen wie zuvor – aber vielleicht nehmen sie doch mal eine Kiste mehr mit, da kommt es doch nicht drauf an. Er hatte während seines Berufslebens auch immer alles korrekt abgewickelt, sich aber dann doch gerne an jene erinnert, die ihm besonders freundlich entgegengetreten waren. Das wäre doch menschlich, hatte er sich immer gesagt, und war damit immer gut zurechtgekommen, gerecht gegen alle gewesen und sich ein freundliches Umfeld geschaffen. 

 

Es läutet und er öffnet die Tür. Ein Mann steht draußen, nicht gekleidet wie einer von der Müllabfuhr, sondern in Jeans und Wetterjacke, darunter ein buntes Hemd, schwarze Schuhe, die Socken waren nicht zu erkennen. Er schaute interessiert gleichgültig, hatte leichten Mundgeruch und sagte nichts, stand nur da und schien auf etwas zu warten. Der Mann machte auch kaum Anstalten sich auf ihn zuzubewegen. Man hätte die Tür zuschlagen können, aber der Man schien fest entschlossen zu bleiben, etwas mitzuteilen, etwas zu erfahren, in ein Gespräch kommen zu wollen. „Ich bin Herr K.“, sagte dann der Mann nach langem Schweigen zu ihm, „und ich bin jetzt da.“ „Haben Sie keinen Kalender, Herr K.?“ fragte er. „Nein“, antwortete Herr K., „ich habe keinen, er würde auch weder Ihnen noch mir etwas nützen.“  Schweigen auf beiden Seiten. Herr K. reichte ihm seine Visitenkarte, die er kurz überflog und dann wie selbstverständlich einsteckte. Er dachte an seinen letzten Messebesuch zurück, als er alle Karten gesammelt und anschließend zuhause sortiert hatte, nach nützlich, perspektivisch und überflüssig, die er sofort weggeworfen hatte. Die anderen wurden je nach Relevanz während des folgenden Jahres aussortiert. Keine Karte hatte das gesamte Jahr überlebt. Auf dieser Karte hatte nur gestanden „Herr K., Begleiter“.

 

Jetzt fiel ihm auf, dass Herr K. dieselbe Hose trug wie er, dasselbe Hemd und auch die Jacke war von dem Stoff und Schnitt wie seine an der Garderobe. Auch die Haare waren kurz geschnitten. Um Bewegung in das Gespräch zu bringen, wollte er seine Visitenkarte an Herrn K. weiterreichen. Freischaffender Rentner war dort nach seinem Namen zu lesen, seine Adresse und der Zusatz lebenslang tatkräftig zu bleiben, kreativ und immer ansprechbar. Eine ansprechende Visitenkarte, welche in fröhlichen Farben und einem kräftigen Karton für einen zupackenden Menschen warb. „Gemach“, entgegnete Herr K., „ ich kenne sie doch, wäre sonst nicht hier, habe Sie schon oft unbemerkt besucht, einige Male haben Sie mich der Tür verwiesen und ich musste gehen. Aber jetzt bleibe ich.“ Herr K. konnte also doch reden, ganze Zusammenhänge darstellen, sprach von alten, wiederholten Begegnungen – aber jetzt will er bleiben. 

 

Er überlegte, wann er Herrn K. wohl begegnet sein mochte. An diese schlichte Karte „Herr K., Begleiter“ konnte er sich nicht erinnern. Herr K. war zudem jemand ohne Kalender, Zeit war ihm nur ein relativer Begriff, Zeit, so schien es, machte sich für ihn nur an Momenten der Begegnung fest, wohl eher unerwünschter, so schien es ihm. Würde er sonst so beharrlich auf den Stufen seines Hauses ausharren? Bleiben wollend, aber nicht freundlich ihn für etwas gewinnen wollend, teilnahmelos aber mit großer Gewissheit ausgestattet, dass er bleiben würde.

 

Ein kalter Schauer befiel ihn während der Erinnerung. Es war vor 7 Jahren und er war im Krankenhaus gewesen, nach heftigen Schmerzen in der Nacht mit dem Rettungswagen eingeliefert. Etwas an Herrn K. erinnerte ihn daran. War es der unaufdringliche Pfleger auf der Station, der Rettungssanitäter auf dem Transport oder gar der Notarzt? 7 Jahre waren eine lange Zeit, da hatte sich vieles wieder hergestellt, manches in der Rückschau schien verloren, anderes gewann eine neue Bedeutung. Jahre zuvor hatte er auf einer Kreuzfahrt in der Südsee regelmäßig seine Speisen am Tisch gemeinsam mit einem Fremden eingenommen, der ihn freundlich als seinen Ferienbegleiter angesprochen hatte, dann aber ohne sich vorzustellen nur noch da war, wenig sprach und doch viel erzählte, wenn die Rede auf das fremde Essen kam. Er schien sich auszukennen, gab aber nicht viel von sich selber preis.  

 

Herr K. schien diese Abschätzung zu durchschauen, blieb dennoch ungerührt, machte den Eindruck, in sich zu ruhen, was wohl auch seinem Wesen entsprach. Er hatte nichts zu befürchten, auch nicht, nachdem er einen Schritt in die Wohnung gemacht und damit verkündet hatte bleiben zu wollen. Ihm wurde der Keller zugewiesen, er also aus dem täglichen Blick verbannt. Da blieb er, anspruchslos, ohne Essen und Trinken was er sich nicht selber mitgebracht hatte. Fast schon vergessen, konnte man meinen, aber präsent, beunruhigte ihn während der Nacht, störte seine Träume und lies ihn nach langer Zeit wieder einmal zum Arzt gehen, denn Schmerzen stellten sich ein.

 

Der Arzt untersuchte ihn lange, lies viele Tests mit ihm machen, mehrmals musste er wiederkommen und schließlich wurde ihm verkündet, dass er eine schwere Krankheit habe, die man so einfach nicht würde heilen können. Er bekam eine Liste von Medikamenten, Termine für weitere Untersuchungen und verschiedene Therapien, lernte viele neue Dinge kennen und sich selber. 

 

Als er eines Tages in den Keller ging, stand er wie zufällig vor dem Raum, den er Herrn K. zugewiesen hatte. Den Zutritt verwehrte ihm dieser mit dem Hinweis darauf, dass es sein Raum sei. Er spürte, wie ihn diese Einschränkung seiner Bewegung in seinem Hause kränkte und doch war ihm jeder weitere Zugang verwehrt. Es minderte nicht seine Lebensqualität, denn in dem Kellerraum lagerten nur alte, längst abgelegte Erinnerungen an die Vergangenheit, „aber dennoch“, so sagte er laut, „es ist mein Keller.“ „Ja“, antwortete Herr K., „es ist dein Keller, er bleibt es, und ich bin dein Begleiter, dem du diesen Raum zugewiesen hast, weil du ihn nicht erkannt hast und dich nicht von ihm stören lassen wolltest. Ich bleibe aber bei dir.“

 

Er dachte manchen Tag noch  an diese Begegnung, erzählte von ihr allerdings niemandem, Herr K. sollte sein Geheimnis bleiben. Dann saß er eines Morgens in seiner Küche, hatte die Nacht schlecht geschlafen. Er überlegte wieder einmal zum Arzt zu gehen, dieser merkwürdige Schmerz ließ nicht nach. Da hörte er Herrn K. die Kellertreppe heraufkommen und die Tür zur Küche öffnen. Herr K. setzte sich zu ihm an den Küchentisch. „Jetzt weißt du es“, fing er zu reden an, „ ich bin deine Krankheit.“ Und er sprach in freundlichen Worten davon, dass man sich arrangieren müsse, jetzt, wo er beginnen werde, von ihm Besitz zu ergreifen. Und es schien ihm so, als würde zwischen ihm und Herrn K. keine Schranke mehr bestehen, keine Barriere, an der er ihn zurückweisen könnte. Herr K. würde beginnen, sein Leben auszufüllen, würde nicht weichen, an seinem Tisch sitzen, den Inhalt seines Kühlschrankes mitbestimmen, seine Freunde treffen, ihn auf seinen vielen Reisen begleiten, die er noch vor hätte.

 

„Ich reise nicht gerne“, sagte Herr K., der wohl auch schon in seinen Gedanken Platz genommen hatte. „Es strengt mich an.“ „Dann bleib, ich kann auch ohne dich.“ Ich bin dein Begleiter, welcher dir den Weg zeigt. Du kannst mir deine Ziele nennen, ich werde dich tragen, auch mit schwächer werdenden Armen. Ich werde älter, habe aber dennoch Geduld mit dir.“

Es war ihm zunächst unangenehm, wenn Herr K. mit ihm im selben Bett schlief. Seine Bewegungsfreiheit war derart eingeschränkt, dass er nur sehr schwer einschlief und unruhig die Nacht verbrachte. Eine Zeit später richtete er sich so ein, dass er den verbliebenen Raum unter der Bettdecke nutzte, sich anpasste und nicht immer wieder versuchte, Herrn K. heraus zu drängen. Dieser dankte es ihm mit kleinen Bemerkungen zu seinem Gesundheitszustand und Ideen für kurze Spaziergänge. Auch machte er Vorschläge für die gemeinsamen Mahlzeiten, die er dankbar annahm, denn dann schien es bekömmlicher zu sein. „Ich weiß gar nicht mehr, wie es war, ohne Herrn K. zu leben.“ Sein Nachbar nickte verständnisvoll und voller Trauer im Blick. 

 

Er aber hatte in Herrn K. einen Vertrauten gefunden, machte Pläne für die kommenden Wochen, der widersprach jedoch allen Anstrengungen, den er könne ihn nicht mehr tragen, wenn der Weg zu beschwerlich würde. Sie trugen immer noch dieselben Hemden und Hosen, Schuhe und Mützen, wenn es draußen wehte. Nun nahte der zweite Winter und er mochte nur noch unter dem weiten Mantel des Herrn K. ins Freie treten. Diesen Mantel hatte zum Beginn der großen Kälte Herr K. zugeschickt bekommen und seitdem war er ihrer beider Bekleidung. Er war kaum noch zu erkennen, seine Nachbarn mieden ihn, weil es so unheimlich aussah, wenn er mit Herrn K. daher kam. Manche Kinder versteckten sich, weinten, fürchteten sich vor ihm, obwohl er ihnen nie böse begegnet war. Sein Leben mit Herrn K. hatte eine Wende genommen.

 

An einem Morgen, wenige hatten bereits den Bürgersteig vom nächtlichen Schnee befreit, verließ Herr K. alleine das Haus - ohne ihn. Einer aus der Straße sah noch, wie er trotz der Kälte nachlässig den Mantel über dem Arm trug. Er ging, langsam, bedächtig aber mit der Sicherheit eines Mannes, der davon überzeugt ist, seine Arbeit gut gemacht zu haben, jetzt aber nicht mehr gebraucht wird. Er wich den kleinen Schneebergen am Rande der Bürgersteige aus, verschwand im beginnenden Morgen eines Vorweihnachtstages. Man las seine letzte Botschaft, im Vorgarten in den frisch gefallenen Schnee geschrieben: „ Er braucht mich jetzt nicht mehr.“ Die ersten leisen Flocken des nächsten Schneeschauers machten diesen Eintrag von Herrn K. bald unkenntlich. Die Vorbeigehenden aber hatten ihn verstanden.

 

Dann kamen das Auto, der Arzt, die Träger und holten ihn ab. 

 

(2012)


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