Der Anwalt


Ich bin beim Anwalt gewesen, mein Recht in Ruhe und gefasst zu verteidigen, nicht zu zerstören in ohnmächtiger Wut, was mir Jahrzehnte wichtig war und was ich doch manches Mal so sinnlos mit innerer Überzeugung zersägt habe. Der Anwalt hatte gerade den Weg seines neuen Lebens betreten, ist ein Mensch voller Hoffnung und der Überzeugung, Konflikte seien mit Worten und gutem Willen zu lösen. Sprach davon, dass man auf einander zugehen müsse, wenn man in Frieden von einander scheiden möchte, so habe ich ihn verstanden, so versteht er sein Recht. So wirbt er für Klarheit in diesem verwirrenden Geflecht menschlicher Gefühle, wenn sie sich nicht mehr begegnen können, wenn sie im Sumpf wie Irrlichter und Geistgestalten dahinflattern, heimatlos, jammernd, auf einer irrationalen Suche.


Der Anwalt spricht kein Recht, er vermittelt es in die soziale Welt, welche alle Regeln ansonsten verloren zu haben scheint. Sein Recht ist das Sprungtuch, in das er einlädt zu springen, während er zugleich beschwichtigend davon spricht, dass es nur ein Sprung sei und der sei zu schaffen, wenn man es wolle. Der Anwalt handelt mit Freiheit.


Ich erkenne in ihm  meine Hoffnungen von einst, Mensch unter Menschen sein  zu können, diese nicht zu bekehren, nicht zu therapieren, sondern ihnen dann hilfsbereit zur Seite zu stehen, wenn sie ein Stück ihres Weges begleitet werden wollen. Er trägt meine Hoffnungen von einst in sich, das glühende Wollen gut zu sein. Ich wünsche mir, er möge in mir nicht das Ende seiner Hoffnungen sehen und schließe mit diesen Gedanken seine vorerst letzte Mail, die ich spät am Abend erhalten habe.


Er hatte mir Fotos seiner ersten Tochter geschickt, die er jetzt wenige Wochen nach der Geburt einige Tage zuhause genießen konnte. Er schrieb zunächst allerdings in kurzen Worten von seinem Abenteuer, ihre kleinen Finger zu sehen, zu fühlen, zu erleben – und jeden Tag gäbe es etwas Neues. Er schrieb dies aus einer anderen Welt heraus als der, die mich jetzt umgibt. Ich hörte Töne aus einer Zeit, die gerade jetzt für mich ein Ende genommen hatte. Das hat mich gerührt und ich bin heute so frei, ihm das auch umgehend zurückzugeben. Früher wäre es nicht so gut möglich gewesen, unter Kollegen über seine eigene Familie zu sprechen. Doch die Jahrzehnte haben Änderungen bewirkt. Daraufhin erhielt ich die Fotos, weil wir doch nun schon so oft über sie gesprochen hätten. 


Sie trägt denselben Namen wie meine große Tochter, die ich vor einem viertel Jahrhundert auf den Armen schaukelnd durch den Kreisssaal getragen hatte. Voller Hoffnung und Zuversicht in dieses neue Leben, voller Freude auf die Aufgabe und den Gewinn so vieler neuer Erfahrungen. Vielleicht mehr Vater in diesem Augenblick als Partner, aber doch beides sein wollend und noch mich selber. Noch nicht im Wissen, dass es dreierlei sei, nicht einerlei. Jetzt ist sie groß und voll wütender Freude auf das Leben. Voller Hoffnung auf ihren Weg. Sie wird, so hoffe ich, erfahren, dass ihr Wesen, ihre Eigenart, all das, was sie ausmacht, mit der Geburt angelegt war, sich zu entwickeln und von ihren Eltern so ist zu hoffen gepflegt wurde. Ihre entwickelte soziale Kompetenz wird sie nicht verlassen. Sie wird sich nicht mehr verändern, sie wird nur immer wieder neue Wege versuchen, sich einzubringen, als Partnerin und vielleicht auch eines Tages als Mutter. 


Ich lehne mich zurück, schließe die Augen und lasse die Fotos dieses kleinen Mädchens, der Tochter meines Anwalts, an mir vorüber gleiten. Er steht vor der Aufgabe seines Lebens, Vater und Partner zu sein, sich aber darin nicht zu verlieren. Als zwei Generationen sind wir einander begegnet. Er trägt die Hoffnung, die ihm niemand nehmen möge. Die Begegnung mit ihm hat mir Wesentliches zurückgegeben, auch eine neue Hoffnung gepflanzt. Ich bin im freien Flug.


(2008)


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