Zurück nach Europa: Fluchtpunkt Istanbul


Als wir mit einer guten Nacht Verspätung in Täbris ankamen, hatten wir den schwierigsten Teil der Reise hinter uns gebracht – nicht schwierig für uns, aber das Gelingen oder Misslingen war entscheidend für den Zeitplan. Am Montag, in einer Woche also, würde einer meiner Kommilitonen an seiner Fachhochschule erwartet. Freitagnachmittag wollten wir deshalb Istanbul verlassen. Wir hatten uns jetzt so langsam wieder in den heimischen Kalender einsortiert – wenn wir da in Kurdistan festgesessen hätten . . . hatten wir aber nicht.

 

Wir holten unsere Rucksäcke aus dem Gepäckteil des Busses (die Nacht zuvor hatten wir in unseren Klamotten in der „Notunterkunft“ geschlafen) und stellten fest, dass diese total durchnässt und voller Schlamm waren. Wir hatten nichts sauberes (das wäre gegangen) und nichts trockenes (das war das Problem) mehr, als das, was wir auf dem Körper trugen. Es würde nicht reichen. Zur Vorbereitung der schnellen Rückreise, rd. 5.000 km Landweg lagen vor uns und wir hatten nur noch wenige Tage, zogen wir zunächst in das Grand-Hotel von Täbris und bekamen dort ein großzügiges Dreier-Zimmer. Ein transportabler Ölofen sorgte für Wärme, denn draußen war es nach wie vor naß-kalt-regnerisch. Sodann packten wir die Rucksäcke aus, verteilten alle Sachen auf die Betten, hängten Sie an Schnüren, die kreuz und quer im Zimmer gespannt waren auf und drehten den Ofen auf, dass es penetrant nach Öl stank, aber auch unglaublich warm wurde. Ein unerträgliches Klima, das wohl auch unter der Tür hindurch kroch und den Besitzer herbeilockte, der draußen deshalb tobte. Die Tür hatten wir von innen abgeschlossen. Wir sahen uns jedoch im Recht, weil das der Ausgleich dafür war, dass es an zwei Stellen durch die Zimmerdecke tropfte und die darunter liegenden Kopfkissen total durchnässt waren. Das sagt alles über das einzige Grand-Hotel aus, in dem ich jemals genächtigt habe.

 

Unsere Sachen trockneten in der mörderischen Hitze. Wir konnten dann per Bus am frühen Morgen an die türkische Grenze fahren, hoch oben wieder in den Bergen: Bazargan-Border, wie es dann in meinem Pass stehen wird. Nach Erledigung der Ausreiseformalitäten hatten wir jedoch etliche Zeit zu warten, weil eine neue Zeitzone an der Grenze begann und es für die tägliche Öffnungszeit der Zollstation in der Türkei noch zu früh war. Aber als es dann soweit war, die Türkei uns einreisen ließ und sich die Tür öffnete, standen wir erstmal vor einer knapp 5 m langen Strecke dünnflüssigen, knöcheltiefen Schlamms. Da mussten wir nun zu Fuß durch. Vielleicht war es auch eine Desinfektionsflüssigkeit gegen Tierseuchen, von Schlamm durchsetzt – es gab kein Entrinnen. Die Türkei hatte uns wieder.

 

Ein Dolmus, eines dieser praktischen Sammeltaxis, wartete bereits auf Fahrgäste. Einige Pakistaner waren bereits zugestiegen. Aber wir verhandelten zunächst den Preis, wären ja überglücklich gewesen – aus Prinzip – wenn er auch nur 5 % geringer gewesen wäre. Aber bis Mittag kam kein zweites Auto vorbei und damit war jeglichem Handel der Boden entzogen. Und irgendwann musste der Wagen losfahren, 300 km Gebirgsstraße lagen vor uns bis zur nächsten Stadt. Also gut. Eine Übernachtung draußen hätte angesichts der Kälte sogar gefährlich werden können. Also 17 Mark pro Person zahlen, es würde nicht billiger.

 

Der Ford Transit war mit insgesamt 12 Personen gut besetzt, quälte sich über die Pässe, hatte keinen funktionsfähigen dritten Gang und unterwegs kam ein weiteres Problem hinzu. Eigentlich hätte er irgendwann tanken müssen, aber die Tankstelle hatte keinen Sprit mehr. Es blieb die Hoffnung auf eine Kaserne, dass die etwas hergeben würde – aber die Hoffnung trog. Also nutzte der Fahrer die Berg- und Talfahrten so aus, dass er bergab immer den Gang raus nahm und das Auto rollen ließ, mit möglichst hoher Geschwindigkeit, weil er dann den Schwung für die nächste Bergfahrt mitnutzen konnte. Ein einfaches Prinzip, das jedoch die Mitreisenden immer leiser werden ließ.

 

Gegen Abend waren wir Erzurum. Nicht am Bahnhof, wo wir eigentlich hin wollten. Das hatte man uns ausgeredet. Wir fuhren geradewegs an eine Busstation, hatten die Möglichkeit ein Ticket für die Nachtfahrt nach Istanbul zu lösen und dann noch knapp 30 Minuten für ein Abendessen – wer weiß, wann es wieder etwas geben würde. Etwa 24 Stunden würde die Fahrt dauern, umsteigen in Ankara. Langsam wurden wir rücksichtslos gegenüber unseren Mitreisenden, den seit Kermanschah, mitten im persischen Kurdistan, waren wir kaum aus den Klamotten gekommen.

 

Gegen Mittag des nächsten Tages erreichten wir Ankara und hatten dort auf dem außerhalb liegenden Bushof einen Aufenthalt von 1 Stunde. Weiter ging es mit einem Linienbus, wie er in unseren Großstädten üblich ist, aber ohne Gelenk . . . knapp 6 Stunden mit wenig Komfort und wir erreichten Haidar Pascha, die asiatische Seite von Istanbul. Es war Mittwoch, so gegen 19:00 Uhr. Europa lag zum Greifen nahe, schnell in die nächste Fähre und ab. Was anschließend kam, jagt mir heute noch leichte Schauer über den Rücken.

 

Wir fuhren in die untergehende Sonne, vor der sich die Moscheen der Stadt mit Ihren mächtigen Kuppeln und den schlanken Minaretts erhoben. Immer näher kamen sie. Dichter Smog lag über Istanbul, dunkler Nebel, der von der untergehenden Sonne rötlich angestrahlt wurde. Die Möwen kreischten, die Fähren tuteten, machten jenen unnachahmlichen Lärm, der auch einen ganz besonderen Reiz von Abenteuerfilmen wie Topkapi ausmacht. Viele kleine Boote tuckerten über den Bosporus. Ich stand auf der Brücke der Fähre, unfähig den Fotoapparat hochzunehmen und wenigstens ein Foto zu machen. Ich sog dieses Bild von Heimat, Europa, in mich ein, genoss es zurück zu sein – so begriff ich mittlerweile das exotische Istanbul. Neben mir stand ein amerikanisches Girl, das sich auf ihrer Hochzeitsreise befand. Sie hatte ihren Mann beim Peace-Corps in Nepal kennen gelernt und die Reise hierher gleichfalls auf dem Landweg hinter sich gebracht. „It’s so great!“ stammelte sie immer wieder, „it’s so great!“ Dadurch bekam unsere Rückkehr nach Europa fast orgastische Züge.

 

Wir fühlten uns in Istanbul wie zurück in der Heimat, glücklich, eine solche Reise gesund hinter uns gebracht zu haben. Wir aßen als erstes gegrillte Fischlein, zogen durch die Viertel mit den Garküchen, kannten uns einfach aus. Man sprach auch gelegentlich wieder etwas Deutsch.

 

Sonntagabend erreichten wir erschöpft unsere wirkliche Heimat, das Ruhrgebiet.

Bazargan-Boarder, vor 40 Jahren eine

karge Passlandschaft - heute dagegen: