Südlich von Teheran


Es zog uns schließlich weiter nach Süden. 10 D-Mark kostete das Ticket für eine ganztägige Busreise über Quom nach Isfahan. Während Jonny, unser pakistanischer Freund aus Quetta, am selben Tag nach Deutschland aufbrach, machten wir uns auf die Reise in den Orient, hofften endlich die sagenhaften Moscheen zu sehen zu bekommen, wollten die kleineren Städte erleben, der Trubel in Teheran wurde uns langsam zu viel. Wir kannten einige Zahlen, wussten woran man Hotels erkennen konnte – denn an lesen war bei den arabischen Schriftzeichen nicht zu denken. Wir hatten gelernt, aufmerksam zu sein und dennoch genießen zu können, Kontakte zu knüpfen, aber immer auch etwas Vorsicht walten zu lassen. Wir hatten immer etwas zum Essen gehabt, immer ein Dach über dem Kopf, wenn es Nacht wurde. Und an Geld mangelte es uns auch nicht. Für die 6 Wochen hatten wir insgesamt 600 D-Mark eingeplant und wir hatten noch genug, also los, in die Wüste, das Abenteuer ruft.


Und in der Tat, wenige Kilometer südlich von Teheran begann die Wüste. Während die gut geteerte Straße sich stundenlang in leichten Windungen durch die breiten Täler hinzog, wechselten die karstigen Berge kaum ihr Aussehen, wohl die Form, die Höhe, aber die Unwirtlichkeit legten sie nie ab. Kein Baum, kein Strauch, nur Steine. Manchmal auch riesige Schotterfelder bis zum Horizont. Hin und wieder erklärten uns Mitreisende, dass wir jetzt an einer Salzwüste vorbeifahren würden. Das kann aber auch auf einer anderen Etappe der Reise gewesen sein, denn tagelang würde uns diese Landschaft in rd.1.500 m Höhe über dem Meeresspiegel jetzt begleiten, je weiter wir in den Osten kommen würden, nach Isfahan wollten wir zur Wüstenstadt Yazd, würde der Sand zunehmen, würde die Straße laufend verweht werden. Doch so weit sind wir noch nicht.


Zunächst nähern wir uns Ghom, der heiligen Stadt der Schiiten. Die Stadt ist geschützt durch eine hohe Mauer aus Lehmziegeln, die sich ganz um sie herumzieht. Vor den Toren der Stadt stehen jämmerliche Lehmhütten, fließt ein Fluss, an dem Frauen und Kinder ihre Wäsche waschen. Hinter den Mauern kann man ein Gewirr von Gassen vermuten. Z. T. recht hohe Häuser ragen aus dem Einerlei heraus. Und dann, die Straße scheint um die Stadt herumzuführen, plötzlich erhebt sich die goldene Kuppel der schiitischen Moschee aus dem Häusermeer, ganz in der Ferne nur zu sehen, aber unglaublich faszinierend. Jede sich bietende Gelegenheit nutze ich für ein Foto, bin ganz aufgeregt, das wird ein Höhepunkt unserer Reise sein. Dort würde der religiöse Mittelpunkt der Schiiten sein, während die Sunniten ihren in Mekka haben, hatten wir uns vorher informiert. Wie konnten wir ahnen, dass wir 10 Minuten später unsere Pause direkt vor dem Eingang zu dem Moschee-Innenhof machen würden?


Aber da trauten wir uns nicht, Fotos zu machen. Überall liefen schiitische Geistliche in ihren brauen Gewändern herum, ihren weißen Turbanen. Ein ganz anderes Bild als in Teheran. Wächter standen am Eingang des Hofes und beäugten uns. Und dort durch dieses Tor hätte man fotografieren müssen, direkt davor stehend. Nein, es war weniger der Respekt vor der fremden Religion, die Fotos und Bilder überhaupt nicht kannte, Fotos von Menschen sogar verbot, als vielmehr die Angst durch falsches Tun gewaltigen Ärger zu bekommen. Als Ersatz fotografierten wir unseren Busfahrer und seinen Steward – na ja, den Burschen, der gelegentlich Tee rum brachte oder gelegentlich auch ein Gebet anstimmte. Im Zweifel würde der auch Reifen wechseln, ohne sich umziehen zu müssen. Es gab sie in jedem Bus, diese Reisebegleiter. Also die beiden fotografierten wir in stolzer Pose.


Das Fahren im Bus war nie langweilig, immer gab es Gesprächspartner, mit denen man sich bruchstückhaft auf Englisch unterhalten konnte. Und während man an zusammengefallenen Häusern, zugewehten Dörfern und sonstigen unbewohnten Ruinen vorbeifuhr, lernte man das eine oder andere.


Interessant wurde es, nachdem wir einen Studenten in unserem Alter kennen lernten, der viel wissen wollte über das woher und wohin. Und als wir in Isfahan ausstiegen, er nebenbei auch, fanden wir schnell heraus, dass er im gleichen Hotel, wie zufällig, wohnen würde, das wir uns mühselig hatten suchen müssen. Er würde am nächsten Tag – oder am übernächsten – eine Prüfung in Isfahan ablegen müssen. So sah er auch aus. Er wohnte im Zimmer neben uns, wobei „Zimmer“ etwas geschönt ist, es waren Verschläge, Hütten auf dem Flachdach. Und dann würde er uns die Stadt zeigen, ging nicht von unserer Seite, zwei Tage lang nicht. Wir waren uns sicher, dass er dem SAVAK angehören würde, dem Geheimdienst des Schah. Er und seine Kollegen würden uns jetzt ununterbrochen beobachten, immer würde einer mitreisen, wir haben manche Etappe so erlebt. Zu Hause hatte uns ein Perser schon auf solches hingewiesen und uns gewarnt. Hier aber machten wir uns einen Sport daraus, ihn abzuhängen.


Aus Isfahan nahm ich dreierlei mit. Zum einen eine Wasserpfeife, die ich heute noch habe und die mir reichlich Anerkennung meiner jüngeren Tochter eingebracht hat. Zum anderen die Erinnerung an einen wunderbaren Sonnenuntergang „im noch fast trockenen Flussbett“, davor eine Brücke mit ganz vielen Torbögen, die den breiten Flusslauf überspannte. Es war nur noch schön und vielleicht entstand dort mein Hang zu Sonnenuntergängen. Es war übrigens der zweitschönste auf dieser Reise.


Das Dritte aber, was ich mitnahm, waren der Eindruck und viele Fotos vom zentralen Park. Ein riesiges Geviert, etwa 10mal so groß wie ein Fußballfeld, war umsäumt von prächtigen alten Häusern, auf einer der beiden langen Seiten lag mittig eine Tribüne, die des Schahs und anderer Würdenträger, gegenüber lag der Zugang zu einem Lustgarten, wo es u. a. hohe mit Silber beschlagene Holzsäulen zu bestaunen galt, die ein Dach hielten. An den schmaleren Seiten aber stand man atemlos staunend vor prächtigen Moscheen, deren riesigen Kuppeln und hohen Minarets ganz mit blauen Kacheln verziert waren, die Ornamente und Schriftzeichen trugen. Innen setzte sich dieses Bild fort, es kam aber noch eine wunderbare Akustik hinzu, sowie eine sehr harmonische Gestaltung der Wasser-, Baum- und Gebäudeelemente. Es herrschten in den Moscheen ein großer Friede und ein angenehmes Klima. Die Zeit schien daran vorbeigegangen zu sein. Und dann erinnerten wir uns, dass wir in einem Kaiserreich zu Gast waren – vielleicht war dies auch ein Ausdruck davon.


Neugierig besuchten wir die Tribüne. Von hier aus hatte man einen guten Blick über die gepflegte Anlage mit Ihren Bäumen, den sauberen Straßen, diesem luxeriösen Mikrokosmos. Wie zufällig schauten wir dann auch in die andere Richtung, Richtung Stadt. Direkt hinter den Fassaden, die den Park eingrenzten, sahen wir Männer mit Teerarbeiten auf einem Dach beschäftigt. Sie wurden bewacht von anderen Männern mit Gewehren. In der Nähe konnte man einen mit Stacheldraht gesicherten Innenhof erkennen, drumherum kleine Wachtürme. Alles im Gewirr der Gassen, gleich neben dem herrlichen Park. Wir waren uns sicher, dass es sich um ein Gefängnis handeln würde.


So eng lagen und liegen die Dinge manches Mal zusammen.

Und immer die Wüste auf der Hochebene

Ghom

Isfahan