Mit dem Bus von Elazig nach Van


Wir hatten uns auf die Fahrt über den Vansee gefreut, ihn als einen ersten exotischen Höhepunkt erwartet. Nun mussten wir erkennen, dass auf unserer Reise nur das passieren kann, was gerade passiert. Oder: Nichts ist planbar. Also stehen wir mit unserem Gepäck etwas unsicher auf dem Bahnhof herum und suchen nach einer Orientierung. Das fällt uns schwer, da wir kein Türkisch sprechen und alle um uns herum eine eilige Geschäftigkeit entwickeln. Nun, es wird schon irgendwie weitergehen sagen wir uns, nachdem wir definitiv erfahren haben, dass der Zug nicht mehr weiterfahren wird.

 

Wir sehen Schlangen von Menschen, die vor kleinen Schaltern stehen, stellen uns dazu, lernen, dass man hier einen Teil seines Fahrgeldes zurückbekommt. Das ist schon mal ein Anfang, denken wir und bekommen knapp 3 Mark wieder, jeder. Aber was hatten wir denn auch erwartet? In den Gesprächen während der Wartezeit erfuhren wir, dass man vom Busbahnhof aus weiterkommen könne. Also gehen wir dort hin und erfahren, dass die Morgenbusse alle schon besetzt sind und erst am Abend wieder Platz für uns sein wird. Wir lernen, dass es drei Mark waren, die uns einen Tag hier festgehalten haben.

 

Der Tag geht mit vielen Gesprächen herum. Als den vielen Wartenden nämlich deutlich wird, dass Deutsche mit Ihnen auf die Busse für die Weiterfahrt warten, suchen manche das Gespräch, präsentieren sich allen anderen gegenüber als weltoffen und spracherfahren, laden zum Tee ein – kurz sind die besten Gastgeber und zeigen dies auch gerne. Noch heute frage ich mich, wie das geworden wäre, wenn ich in Wanne-Eickel mit drei jungen Türken hätte warten müssen – hätte ich das Gespräch gesucht?

 

Wir treffen auch das junge Paar wieder, mit dem wir uns bereits im Zug auf Englisch unterhalten hatten. Sie haben eine Autowerkstatt in Van, wir sollen Ihnen Teppiche und Radios aus Persien mitbringen – alles so’n Zeug, was einem auf Reisen dieser Art immer wieder begegnet – für uns war es jedoch noch neu und Beginn eines neuen Abenteuers. Ja, man bot uns an, eventuell mit einem Jeep in die Berge zu fahren, sie gaben uns ihre Karte.

 

Die Fahrt begann in der Dunkelheit nach dem Abendessen. Es war ein moderner Reisebus aus deutscher Produktion. Jeder hatte seinen nummerierten Platz. Auf der hintersten Bankreihe lag ein alter Mann, der in sein Heimatdorf gebracht wurde, weil er dort sterben wollte. Oft stöhnte er laut. Einmal hielt der Bus seinetwegen an – was war, haben wir nicht erfahren können. Nach einigen Stunden dösten wir vor uns hin. Wurde man wach und schaute am Fahrer vorbei, sah man den verschneiten Fahrweg, Bäume rechts und links ragten gelegentlich in den Lichtkegel hinein, unbeirrt fuhr der Bus weiter, er schien alleine auf dieser Straße zu sein. Das Tempo war nicht abschätzbar, aber schneller würde es auch nicht gehen. Gelegentlich huschten Füchse im Lichtkegel über die Straße, retten sich noch so gerade vor dem Bus.

 

Gegen vier Uhr morgens erreichten wir Van. Schon von Weitem sahen wir das mächtige Gebirge hinter dessen Gipfeln die Sonne aufging, zumindest begann es in vielen Farben gehüllt Morgen zu werden. Es war Ende Februar und ich kann es heute noch nicht richtig deuten, dass es so früh schon begann hell zu werden. Nun ja, wir hatten auch schon auf dem Weg nach Osten Zeitzonen durchquert. Es war Ende Februar und schweinekalt, als wir so früh und schlaftrunken den Bus verließen. Minus 24 °C, so erinnere ich mich, aber wunderschön einen Tag so begrüßen zu dürfen, in klarer, trockener Luft.

 

Wir waren in Van angekommen, hatten die Türkei in mehreren Sprüngen durchquert. Nein, im Warteraum der Busgesellschaft wollten wir nicht bleiben, wie es die meisten Mitreisenden machten, weil es hier gut geheizt war. Wir suchten uns ein Hotel – nahmen das einzige am Ort und legten uns schlafen. Als wir dann wach wurden traten wir auf den kleinen Balkon und schauten auf die Straße. Das Hotel lag an der schnurgeraden Hauptstraße des Ortes. Auf dieser Straße marschierten zwei Soldaten mit geschulterten Gewehren (G-Ütsch) hin und her. 10 Minuten nach links und dann wieder zehn Minuten nach rechts.

 

So bewachten sie den Ort. Denn hinter den Häuserfronten begann schon der Ortsrand, lag das Gewirr von kleinen flachen schlechten Wohnhütten, waren die Schafställe, fand man kleine Werkstätten. Aber all das verlief sich schnell in die Landschaft, war es eine Wüste? Es war karges Land, das, dachte man sich den Schnee weg, der an wenigen Stellen bereits getaut war, nur eine einzige, hell-braune Farbe kannte, kein Baum, kein Strauch, was eine andere Farbe hineingebracht hätte. Aber sicherlich gäbe es ab dem Frühjahr wohl das Grün der Gräser. Noch war es jedoch Ende Februar und wir schauten durch die kalte Luft auf das gigantische Bergmassiv zu Persien hin, den nördlichen Ausläufern des Zagrosgebirges. Irgendwo dort links, nein etwas weiter, in der Richtung müsse der Berg Ararat liegen, wo Noah mit der Arche Geschichte schrieb. Schaute man sich in Van um, hätte das durchaus vorgestern gewesen sein können.

heute via GoogleMap - es hat sich was geändert: