Kermanshah und das Land der Kurden


Die Tage am Persischen Golf waren zwar schleppend, aber wie bei jeder Reise doch auch wieder anregend, vorbeigegangen. Dort am Golf lebten Menschen arabischen Ursprungs, das sah man an ihrer Kleidung, an der anderen Art, wie ihre Städte gebaut waren, man sah es an den Menschen. Es waren Sunniten, im Gegensatz zu den Schiiten des Hochlandes, die ihr geistig-religiöses Zentrum in Ghom hatten, der Stadt mit dem goldenen Dach auf der zentralen Moschee. Hier am Golf hatten wir nicht den Eindruck gehabt, vom SAVAK, dem Geheimdienst des Schah bespitzelt zu werden. Die Menschen schienen aber auch in ihrer Armut etwas stolzer zu sein.


Stundenlang führte die Piste den Bus nach Norden, es war eine Art Rollbahn, die in beiden Richtungen einen liberal organisierten nicht abreißenden Autoverkehr zuließ, LKW’s und PKW’s hielten sich die Waage, dazwischen gelegentliche moderne Reisebusse, wie wir ihn nutzten. Am Rande der Rollbahn schienen die liegen gebliebenen Fahrzeuge auf irgendetwas zu warten. Die Strecke selber lag um einige Meter über dem durchfahrenen Gelände, welches sich flach von Horizont zu Horizont erstreckte. Die Rollbahn war ein Bauwerk, welches seinen Zweck erfüllte, sicherlich auch einen militärischen, wenngleich eher für Landkriege, die nach den Regeln der Infanterie des ausgehenden 19. Jh. in Europa geführt würden.


Am Ende des Tages erreichten wir Ahvaz, zwar immer noch nicht wirklich auf einer geografischen Höhe, die ein milderes Klima versprach, aber doch weiter entfernt von der schwülen Hitze der unmittelbaren Golfregion, auch wenn es erst Ende März war. In Ahvaz trafen wir auf das erste Lokal in Persien, das uns Bier anbot. Das ist der Merkposten zu dieser Provinzstadt ohne besonderen Höhepunkt. Vielleicht kann man noch erwähnen, dass wir vor dem dortigen Postamt eine Vielzahl von Schreibern vorfanden und natürlich noch mehr geduldig wartende Kunden. Irgendwie schien diese Stadt wohl doch zentraler zu sein, als uns der äußere Schein bedeutete.


Es ging weiter nach Kermanschah, die große Stadt der persischen Kurden, hoch in den Bergen, auf halber Strecke zwischen Ahvaz und Täbris gelegen. Wolken hatten sich tagelang am Himmel zusammen gezogen. Es nieselte fein den ganzen Tag. Der allgegenwärtige Staub auf den Straßen wurde zu einem Schmier und man musste aufpassen, nicht auszurutschen. Mit Vorliebe hielten wir uns in dem überdachten Basar auf, in den sich wohl auch zu anderen Jahreszeiten selten Touristen verirren würden. Das Bergvolk der Kurden war ausgesprochen freundlich, die Bäcker lachten uns aus ihren winzigen Läden fröhlich zu. Hier hatten wir das Gefühl, willkommen zu sein, nicht nur als zahlende Touristen angesehen zu werden.


Hinreißend war das Hotel, unsere Unterkunft. Wieder nur eine kleine Kammer, direkt an einen Innenhof angrenzend, wieder nur, wie schon in Busher, mit einer Tür und einem Vorhängeschloss versehen, wie man sie bei uns eher an Hühnerställen vorfindet. Neben dem Hotel lag das Geschäft des örtlichen Textilhändlers. Neugierig überall hineinschauend fanden wir dort eine gigantische Sammlung von braunen, dunkelgrauen und fast schwarzen Anzügen, wie man sie auch hier in den Kaufhäusern nicht findet. Hier, so scherzten wir, würden sich wohl alle Männer aus Kermanschah und darüber hinaus einkleiden, denn man sah auf den Straßen nichts anderes. Sofort bot man uns auch einen Anzug zum Kauf an, aber die waren alle 2 – 3 Größen zu klein, was die Ablehnung für uns einfacher machte, aber auch nicht ganz genügte. Am nächsten Tag erschien der Besitzer mit einem wohl besonders großen Stück, einer zog es an und er musste einsehen, dass das nicht gehen würde.


Die Stadt lag eher in einem Hochtal, von den Hängen hatte man einen herrlichen Blick in sie hinein, über sie hinweg. Natürlich gab es da auch wieder Freunde, einen Taxifahrer, er fuhr einen schon damals alten blauen Mercedes 180 und dessen Freund. Sie luden uns ein, dass jeder sich eine Flasche Bier kaufen möge, dann würde man in die Berge zu einem Aussichtspunkt fahren und die Flaschen austrinken. In der Stadt dürfe man kein Bier trinken, das sei verboten. Es war ein nass-kalter Frühjahrstag – und wir hatten eh nichts Besonderes vor. 4 oder 5mal machten wir die Tour, die dem Grunde nach überhaupt keinen Sinn ergab. Immer hatten wir eine volle Flasche Bier in der Hand, wenn es in die Berge ging. Die war dann leer, wenn wir zurück fuhren. Zugegeben, zum Ende hin waren wir reichlich betrunken. Ich selber bin beim Anfahren fast aus dem Wagen gefallen, weil die Tür noch nicht zu war. Der Taxifahrer hat dann gegen Abend noch versucht uns alle bei sich zu Hause zum Abendessen einzuladen – aber da hat seine Frau nicht mitgespielt, es war ihm reichlich unangenehm.


Nach Täbris würde es eine Tagesreise werden. Aber bereits am frühen Morgen, bei der Abfahrt der Busse, sahen wir in sorgenvolle Gesichter des Busfahrers und der übrigen Menschen. Kartenmaterial wurde immer wieder durchgegangen, es wurde telefoniert und diskutiert. Andere Busfahrer erschienen und wir erfuhren, dass man nicht wisse, ob man fahren könne. Eine Brücke sei beschädigt, der Fluss habe derzeit sehr hohes Wasser, es sei die Zeit der Schneeschmelze in den Bergen. Uns war sofort klar, dass es für uns keine Wegalternative geben könne, wollten wir hier wegkommen – oder den gesamten Weg zurück . . . Man wusste aber nichts Genaues, bekam auch keine genaueren Informationen, konnte also auch nichts Verbindliches weitergeben. Schließlich fuhren die Busse los, wollten es versuchen.


Nach einigen Stunden stießen wir auf weitere Busse, die vor der von den Frühjahrsfluten vollständig zerstörten Brücke warteten. Schließlich standen dort zehn sehr gut besetzte moderne Reisebusse. Die Fahrer versuchten über Funk Kontakt mit ihrer Zentrale zu bekommen und Anweisungen einzuholen. Nach endlos scheinender Warterei ging es in disziplinierter Kolonnenfahrt weiter, man würde sehen, wie weit man käme. Oft kam man nur im Schritttempo voran, weil die Feldwege aufgeweicht waren, nur ganz selten erreichte man halbwegs eine minimale Reisegeschwindigkeit. Die Frage sei, so erfuhren wir, ob die Dieselvorräte bei einer solchen Fahrweise reichen würden und man genügend Reserven in einem kleinen Bergdorf hätte, um alle Busse damit ergänzend zu versorgen.


Wir erreichten das Dorf. Eine Menschenmenge bestaunte die Technik und möglicherweise noch mehr uns drei Europäer. Alle waren sie in schwarze Gewändern gekleidet, trugen vielfach wie einen Turban über den Kopf gelegt schwarze Tücher, hatten breite, gutmütige Gesichter, offene, funkelnde Augen. Gelegentlich sah man Männer, die lange Flinten über den Rücken trugen und erwartete, dass deren Läufe sich zum Ende hin trichterförmig öffneten – taten sie aber dann doch nicht. Und wieder kam die Assoziation des 19. Jh. auf, Karl May. Ich wagte nicht zu fotografieren. Wie weit wir auch vom modernen Persien entfernt waren, mag man an der örtlichen Tankstelle sehen. Per Hand wurde immer eine Gallone Diesel in ein Schauglas gepumpt und anschließend in den Tank des Busses abgelassen.


Die Fahrt ging weiter, stoppte aber vor Täbris, weil kein Fahrer bereit war, im Dunklen den großen Fluß auf der Furt zu durchqueren, eine Brücke wurde dort erst gebaut. Der Ort, wo wir dann hielten, mag viele Hotels gehabt haben, sofort wollten wir los, uns ein Zimmer besorgen, wurden aber von einigen persischen Studenten grinsend zurückgehalten. Wir sollten uns ihnen anschließen. Nach einer guten Stunde zogen sie los, bekamen an einigen Hotels eine Absage und gingen damit zum Bürgermeisteramt. Dort erhielten sie für alle eine entsprechende Bestätigung, mit der wir im besten Hotel aufkreuzten. Natürlich war dieses belegt, aber mit der Bestätigung erhielten wir dort ein preiswertes Notquartier – wie es besser nicht hätte sein können. Im Frühstückszimmer wurden auf den Tischen Matratzen ausgelegt, auf denen wir schlafen und am Morgen frühstücken konnten. Das Frühstück entschädigte für vieles! Und ich weiss nicht mehr, ob wir überhaupt etwas bezahlen mussten. Und wieder hatten wir gelernt, dass man die Regeln kennen sollte, um gut überleben zu können.

Kermanscha

Abenteuerfahrt nach Täbris