Jonny


Jonny getroffen zu haben, könnte der tiefere Sinn dieser Reise gewesen sein. Zu ihm entstand eine Verbindung, die noch lange Jahre anhielt, bis weit in die 80er Jahre hinein. Doch noch sind wir im Zug, der jeden Augenblick im Teheraner Hauptbahnhof einlaufen wird. Wir drei haben Akkym kennen gelernt, einen Pakistaner in unserem Alter, der Deutschland verlassen musste, wo er illegal gelebt und gearbeitet hatte. Jetzt fuhr er in seine Heimat, seine Stadt zurück, einer zwar ungewissen Zukunft entgegen, aber nach Hause. Er würde es wieder versuchen, nach Deutschland zurückzukehren versicherte er uns. Akkym kannte ein Hotel, wo Menschen aus Quetta immer übernachten würden, wen sie Aufenthalt in Teheran haben. Aus heutiger Sicht schienen mir damals globale Trampelpfade zu bestehen, die mir völlig fremd waren. Wir könnten in einem 4er-Zimmer übernachten, das wäre nicht teurer als im Schlafsaal, aber sicherer, denn unter 20 Leuten könne durchaus jemand sein, der stehlen würde.


Das Hotel liegt am Rande des Rotlichtbezirks, Altstadt kann man mit unseren Begriffen kaum sagen, ein Slum ist es sicherlich nicht, sagen wir, es war eine etwas schäbige Gegend. Mitten in Teheran. Das Hotel lag an einer großen Straße, an deren Rändern breite Wasserrinnen den Unrat wegspülten und für Brauchwasser sorgten. Diese Rinnen fanden wir später überall. Da wurden Autos genauso gewaschen, wie Kleidung. Als Fußgänger war es nicht immer einfach, dort hinüber zu kommen. Es ist jetzt Anfang März, der Staub des Sommers liegt noch als dicker Schmier auf allen Wegen, gefährlich glatt wird es nach Regenfällen – und dann die Rinnen.


Akkym traf seinen Freund Jonny im Hotel. Beide lagen sich vor Freude in den Armen. Und so hatten wir ein 5er-Zimmer mit zuverlässigen Partnern. Jonny war äußerst dunkelhäutig, hatte lange schwarze Haare und eigentlich immer eine braune Decke übergeworfen. Er sprach gut englisch und leidlich Deutsch. Jetzt wollte er nach Deutschland um zu arbeiten. Hamburg war sein Ziel, im Freihafen bei den Teppichen zu sein, das war seine Leidenschaft, da hatte er Ahnung.


Andere aus Qetta trafen im Hotel ein, wurden freudig begrüßt. Sie waren auf dem Weg nach Kuweit zu Verwandten unterwegs, die Ihnen Arbeit vermitteln konnten. Ja, es gab menschliche Ameisenpfade auf dem, Globus von deren Existenz wir nicht die mindeste Ahnung hatten. Teheran schien ein Knotenpunkt zu sein. Die neuen Gäste hatten einen riesigen Klumpen Haschisch mitgenommen, als Gastgeschenk für die Verwandten in Kuweit. Die brauchten nicht so viel, waren wir uns alle einig und in unserem abschließbaren 5er-Zimmer stieg dann meine erste „Haschisch-Party“. Man, schmeckte das Zeug ekelig. Und wenn man bedenkt, dass es verboten war, solches zu rauchen – welch’ ein blödsinniges Risiko sind wir in dieser Persischen „Absteige“ eingegangen!


Akkym und Jonny begleiteten unsere Erkundungszüge in Teheran einige Tage und zeigten uns die wesentlichen Dinge, die man einfach gesehen haben musste. Dazu gehörte auch der Blick in ein Bordell wie selbstverständlich. Das war schon eine unbekannte Märchenwelt – wie aus einem Wildwestfilm. Im großen Salon, der ganz mit rotem Samt ausgestattet war, standen unten schwere Sessel und Tischchen mit Kunststoffblumen. Oben, von der Balustrade aus führten viele Türen in einzelne Zimmer. Die Balustrade wurde durch eine raumfüllende Treppe erreicht. Auf dieser Treppe warteten viele Männer in schwarzen Anzügen gekleidet, dass mal wieder ein Zimmer frei würde und hielten sehr geduldig die Regeln des „first in –first out“ ein, immer schön der Reihenfolge nach. Wir blieben nicht lange genug um herauszufinden, was hinter den Türen vor sich gehen würde, sondern machten schnell kehrt, hinaus in den Abend, noch irgendwo etwas Neues herauszufinden.


Schnell lernten wir das ganze Viertel kennen. Einmal, ganz früh am Morgen, es war noch dunkel, streiften wir durch die Straßen und überall an den Straßenecken standen Verkäufer mit großen Töpfen in denen eine ekelige Suppe vor sich hin dampfte. Genau haben wir es nicht herausgefunden, aber es könnte sich um Kuttelnsuppe gehandelt haben, die zum Fast-Food-Frühstück angeboten wurde. Jonny war immer mit dabei, auch als Akkym sich verabschiedet hatte, nachdem er einen günstigen Bus Richtung Pakistan bekommen hatte.


Dann reiste auch Jonny weiter, am selben Tag, als wir uns Richtung Süden aufmachten. Jonny habe ich später dann nach Hamburg geschrieben und erhielt auch Antwort, jahrelang hielten wir lockeren Kontakt. Ich erfuhr, dass er nicht nur in einem Teppichlager arbeitete, sondern auch als Dealer auf St.-Pauli. Irgendwann besuchte er mich, es war mehr als 10 Jahre her, dass wir uns in Teheran getroffen hatten. Ich gab ihm noch einen kleinen Restklumpen Haschisch, den ich als Student mal bekam, weil ich jemandem beim Umzug geholfen und den Lohn dafür schlicht vergessen hatte. Als er uns das zweite Mal besuchte, wollte er etwas Geld, weil er seinen Vater unterstützen müsse, sein gemeiner Bruder hätte das ganze Geld verspielt, was eigentlich für seinen geliebten Vater da gewesen sei. Solche Geschichten kannte ich zur Genüge von Afrikanern und habe ihn umgehend vor die Tür gesetzt. Es wurde etwas lauter, änderte aber nichts. Nach einem kurzen und heftigen Briefwechsel hörte ich dann nichts mehr von Jonny.


Eigentlich hat das nichts mehr mit Teheran zu tun, und doch. Von jeder Reise nehmen wir etwas mit, etwas verändert uns immer. Jonny hat mich nicht verändert, aber mich jahrelang daran erinnert, dass unter uns Menschen leben, die ganz andere Wertmaßstäbe haben, als wir alle es uns vorstellen können. Und dass diese Menschen auch eine Heimat haben, die nur wenige Reisetage – vielleicht zwei Wochen auf dem Landweg – entfernt ist. Sie bewegen sich auf fast unsichtbaren Ameisenpfaden über die Kontinente und das hat zu-, nicht abgenommen. Mit Jonny hatte ich einen von Ihnen kennen gelernt, in Teheran, wo ich meinen ersten Joint geraucht hatte.


Hinter Istanbul hatten wir den Wahnsinn erwartet. Nicht die Spur davon hatten wir entdeckt. Aber vielleicht haben wir uns etwas besser kennen gelernt, obwohl es nicht gerade eine Pilgerreise war. Vielleicht ist aber auch jede Reise eine Pilgerreise, denn wir werden irgendwo ankommen, wo wir noch nie gewesen sind.