Epilog (2008)


Jetzt, da viele Jahrzehnte vergangen und manche Abschnitte dieser Reise nach Persien aufgeschrieben sind, ist es auch Zeit eine Bewertung anzustellen. Was hat es gebracht? Es war ja nicht eine der vielen Reisen, die man später einmal gemacht hatte oder zumindest hätte machen können, es war der erste Austritt in eine andere Welt, eine ferne Welt, die doch so nah hätte sein können, weil auch ihre Bewohner Menschen waren. Menschen, die eine andere Sprache nutzten – als wenn sie sich diese hätten aussuchen können, sie waren in diese (Sprachen-) Welt hineingeboren worden. Sie hatten Träume, wie wir sie auch hatten – nur anders. Sie kannten Armut – wie wir sie beschreiben – nur erlebten sie dadurch das unmittelbare Leben und fühlten sich in ihrer Umgebung nicht unbedingt an den Rand der Gesellschaft gedrängt. Sie waren stolz, wenn wir jeden einzelnen von ihnen wahrnahmen. Das macht mich heute noch glücklich, aber wir mussten damit vorsichtig umgehen, um nicht zu verletzen, müssen es heute noch.


Ich habe nie wieder auf einer Reise so „ungeniert“ Menschen fotografiert – und als ich eingeladen war bei einer Berberfamilie, später einmal, Fotos der ausgesprochen hübschen und prachtvoll gekleideten Berberinnen in ihren Lehmhäusern zu machen, da war der Film nicht richtig eingelegt. Aber heute weiß ich, dass das sicherlich eine freundlich gemeinte Zurschaustellung war, man war ja Tourist.


Bilder sind jedoch nur eine Ausbeute, die man nach einer Reise mitnehmen kann, sie schlummern in endlosen Reihen von Diakästen, werden zunächst noch ein paar Mal hervorgeholt, stolz werden die Schubkästen der Erinnerung geöffnet und man erzählt – das verwischt sich im Laufe der Zeit und die bleibt ja auch nicht stehen.


Was bleibt, ist die Erinnerung im Kopf und im Herzen, die Zeit trennt das Wesentliche vom Unwesentlichen. Gut so! Da ist diese unendliche Freundlichkeit der Menschen, denen wir begegnet sind, deren Hilfsbereitschaft, unabhängig davon, ob man etwas verdienen könnte oder nicht. Sie war gepaart mit der Gier, etwas von draußen zu erfahren, von der weiten Welt, von Deutschland, dem Land seiner Träume, wenn ich an die Türkei der siebziger Jahre denke. Da war der Stolz des Türken an der Busstation, der sich vor allen anderen damit brüsten konnte, mit uns fließend Deutsch zu sprechen. Und wir konnten gerade mal auf türkisch bis 10 zählen und beherrschten einige Begrüßungsformel. Was hat uns über diese Menschen gehoben? 


Da war jenes Augenpaar im Bus auf der Fahrt an den Persischen Golf, den staubigen Pass hinunter, Augen denen man im Leben nur wenige Male begegnen darf. Welch eine Sympathie schimmerte da unter dem Tschador hervor, es klang nicht nach Unfreiheit, weil diese möglicherweise nicht so empfunden wurde. Später würde ich mir überlegen, ob es die Ungleichzeitigkeit des Gleichzeitigen war – im soziologischen Sinne. Hier war es die Bestätigung, dass alle Menschen gleich empfinden – sie sind nur durch ihre Geschichte getrennt, manches Mal durch tiefe Gräben, wenngleich sie im Bus nur wenige Sitzreihen entfernt von einander sitzen. Wir müssen aufpassen, wenn wir in fremden Ländern sind.


Die Überfahrt mit dem Zug über das Grenzgebirge von der Türkei nach Persien durch tief verschneite Regionen gehört zu den intensivsten Erinnerungen und macht mir deutlich, dass die Menschen verstehen sollten, wie weit die Wege sind zu ihren Ferienregionen, voller Hindernisse und voller Menschen, auch in den unwirtlichsten Gegenden. Man vergisst dieses, wenn man fliegt. Wir schauen uns heute Satellitenbilder an, um die Schönheit der Erde abgreifen zu können, wir sollten uns in ihr bewegen, um sie zu verstehen.


Teheran, Ghom, Isfahan, Yazd, Schiraz, Abadan, Kermanshah, Täbris, Städte, die ich in Ansätzen beschrieben habe, von denen ich Highlights berichten konnte. Unvergessen der ekelige Strand in Bandar Busher am Persischen Golf. Er verfügte, ganz im englischen Stil, jedoch über eine Promenade, deren Sinn uns im März 1974 nicht deutlich wurde. Aber wie aus dem Nichts tauchte der Urlaubsfotograf auf, der Paparazzi vom Persischen Golf. . . Und dann waren da wieder die Augen und die bettelte Hand des kleinen Mädchens in der Hafenstadt Abadan. Wann sonst, wenn nicht in diesem Augenblick hätte ich etwas geben müssen – und vielleicht kann ich es bis heute nicht, weil ich es damals nicht vermochte – denn die Probleme lösen tut es nicht, aber manche messen das bisschen Menschlichkeit, das sie brauchen, eben in jenen paar Gramm, die sie täglich zum Essen haben, zum Trinken, zum Rauchen. Wir anderen tun letzteres doch auch. Seien wir doch nicht so erhaben.


Dass wir uns auf interkontinentalen Wanderwegen wieder fanden, war die größte Überraschung. Wir machen uns keine Bilder davon, dass auf diesen Wegen ganze Heerscharen von Menschen unterwegs sind. Wir erleben sie nicht, wenn wir an unseren Mittelmeerstränden liegen oder auf den Malediven tauchen, wir leugnen sie, weil wir in Ruhe gelassen werden wollen, wir reden von Multikulti, weil wir gerne exotisch essen, von Integration, weil wir den Rechten etwas entgegensetzen wollen, selbst verunsichert sind, wenn im Mietshaus gegenüber möglicherweise ein Schaf heimlich in der Badewanne geschächtet wird, zumindest wurde. Das liegt eben an den Lebens- und Wohnverhältnissen hier.


Dort, wo ich war, besteht eine andere Ordnung. Es ist gut sie zu kennen. Und wenn es nun auch über 30 Jahre zurückliegt: Die Uhren gehen dort langsamer, aber sie schlagen dort wie hier jede volle Stunde.

Mittlerweile sind es fast 40 Jahre,  dass diese Reise stattfand und ein glückliches Ende fand, eigentlich viel zu reibungslos, um ein Lehrstück für das wirkliche Leben zu sein. 


Wenn ich heute,  im Herbst 2015, diesen Reisebericht neu herausbringe, in einer neuen Website, dann überkommt mich noch ein  Schauer,  wie einfach es war, damals, diese Länder zu bereisen und zu erkennen, wie dort gelebt wurde. Es verbessert das Verständnis von einer Welt, die nun leider aus den Fugen zu geraten droht, weil die Menschen aus ihrer Heimat flüchten müssen - auf Wegen, die wir damals wie selbstverständlich nutzen konnten.