Der Zug nach Osten


Einige Tage brauchten wir drei, unsere Angelegenheiten in Istanbul zu regeln. Immerhin musste der Käfer wieder aus dem Pass ausgetragen werden, denn anders kämen wir nicht von der Türkei nach Persien. Dazu musste der Wagen in ein Zolllager gebracht werden, wo er dann aber auch die nächsten Wochen sehr gut bewacht werden würde, denn wir brauchten ihn ja dann wieder für die Rückfahrt. An sich ist das in Deutschland schon ein Problem, wie sollten wir es jedoch hier in der Türkei bewältigen? Ach, man macht sich manchmal viel zu viele Gedanken und Sorgen. Wir fanden sehr schnell jemanden, der uns dabei helfen würde. Dazu geht man zur Behörde, steht dumm rum und schon kommt ein Helfer – privat, auf Erfolgsbasis natürlich. Diese Helfer können auch schreiben, was vielen Analphabeten zwar keine kostenlose und billige Hilfe ist, aber eine sehr praktische. Ein ganzer Tag ging drauf, verschiedene Gänge waren notwendig – für uns alles rätselhaft. Kleine Summen gingen als Bakschisch über die Tresen. Sie sollten sich zum Abend zu einem unglaublich hohen Betrag aufsummieren – aberwir hatten ja zu Dritt aufgepasst: Einer sicherte immer die Türen und Ausgänge, einer blieb direkt bei unserem Helfer dran kleben und der Dritte achtete auf das Drumherum, z. B. auch die kleinen Bestechungszahlungen. Denn immerhin, der Helfer hatte immer den Pass und die Autopapiere in Händen! Endlich stand der alte, zerbeulte Käfer im Zolllager, direkt zwischen dicken Cadillac und anderen schweren Limousinen. Da würde ihn keiner klauen, allenfalls versehentlich verschrotten.


Am Tag der Weiterfahrt bestiegen wir die typischen Fähren mit ihrem unheimlichen Getute am späten Nachmittag, kreuzten den Bosporus und erreichten Asien zur Zeit des Abendessens. Sobald der Zug bereitgestellt wurde, bestiegen wir ihn. Wir hatten einen Liegewagen der 1. Klasse gebucht – mit der Studentenkarte kostete es nur wenig. Knapp 24 Sunden würden wir bis Kayserie benötigen und am Sonntagnachmittag dort ankommen.


Das Abteil hatte 8 Liegeplätze. Und so gesellten sich noch weitere 5 zu uns, alles junge Männer, die wieder in ihre Kasernen mussten. Wir verständigten uns intensiv mit einer Laut- und Gebärdensprache, erfuhren manches, anderes blieb uns unverständlich. Der Zug führ in die Nacht, rumpelte vor sich hin und die Unterhaltung wurde immer lebendiger, wir waren einbezogen in die Gemeinschaft der Reisenden, als wären wir Teil ihrer Gesellschaft. Zur späten Stunde sangen die türkischen Männer ihre Lieder, tragende Melodien von herzergreifender Melancholie. Dann sagte einer in gebrochenem Deutsch: „Sage das Wort“. Wir verstanden zunächst nicht, was gemeint war, aber er wiederholte es immer wieder, solange bis wir begriffen, dass nun auch wir ein Lied singen sollten.


Mittlerweile verstand ich, dass hinter Istanbul nicht der Wahnsinn beginnen würde, sondern allenfalls eine andere Welt, die ähnlich aufgebaut ist, als die mir bekannte. Gastfreundschaft und Höflichkeit haben dort einen anderen, größeren Stellenwert, als bei uns in Bochum (wie weit war das jetzt weg!), das Miteinander ursprünglicher. Aber nun sollten wir singen, etwas tragendes, lange sollte es dauern, kein solch ein Schlagerzeug, stellten wir uns vor. Meine beiden Mitreisenden streikten, ich begann, obwohl total unmusikalisch, mit einem Wehnachtslied „Stille Nacht. Heilige Nacht“. Schade, dass ich nur noch die erste Strophe kannte und die war schnell vorbei, wiederholen ging auch nicht, das hätte man gemerkt. Ich wollte uns aber nicht blamieren und sang tapfer weiter. Der Text passte nach kurzer Zeit überhaupt nicht mehr zu Weihnachten und meine beiden Mitreisenden hatten Mühe, nicht in schallendes, brüllendes Gelächter auszubrechen. Ich weiß heute nicht mehr, was in diesem schönen alten deutschen Weihnachtslied alles passierte – aber irgendwie musste ich aus der Nummer wieder rauskommen und tat es auch.


An diesem Punkt hatte ich eines gelernt, nämlich dass wir jungen Deutschen im Gegensatz zu Anderen, z. B. Türken, kaum noch in der Lage waren, ein klassisches Liedgut vorzutragen, unsere Emotionen hineinzulegen und einfach in dieser, neben dieser oder über dieser zu leben.


Der Zug erreichte am späten Sonntagnachmittag den Bahnhof von Kayserie. Dort wurden wir zum ersten Mal von „unserem Freund“ erwartet, der ein sehr günstiges Hotel kannte, was er uns wohl zeigen wolle. Anschließend würde er uns gerne in der Stadt herumführen, es wäre zwar alles geschlossen, weil es Sonntagnachmittag sei, aber er habe einen Schlüssel für die Karawanserei – da gäbe es sehr viel für seine Freunde aus Deutschland zu sehen. Na, da war es doch schon, unserer heiß ersehntes Abenteuer! Früher mögen da sogar schon einmal Kamele festgebunden worden sein, heute standen dort Pickups kreuz und quer herum, beladen mit Schafwolle. Wir verschwanden in einem düsteren Teppichladen und ich besaß anschließend einen 5 Meter langen Läufer, ½ Meter wohl breit, schleppte ihn in meinem Seesack dann bis an den persischen Golf und wieder nach Deutschland. Er erinnerte mich immer wieder daran, wie blöd man eigentlich sein kann, solch ein überflüssiges Stück, das zudem alt, aber wirklich nicht antik war, durch die halbe Welt zu schleppen!


Zwei Tage später ging es weiter, Richtung Van, der letzten Ortschaft vor der Persischen Grenze, dem über 2.000 m hohen Grenzgebirge, das wir anschließend mit dem Zug Richtung Teheran überqueren wollten. Wir waren gespannt auf die Eisenbahnfähre über den Vansee, in Tatvan würden die Waggons auf die Fähre verladen . . .


Wir fuhren wieder die Nacht hindurch im Liegewagen 1.Klasse, erreichten aber Tatvan nicht, denn die Frühjahrsschmelze hatte Schlamm und Geröll von den Bergen heruntergebracht und die Gleise der Bahn verschüttet, irgendwo hinter Elazig. Da endete dann unsere Bahnfahrt am frühen Morgen. Wir hatten Zeit uns mit den vielen Soldaten zu unterhalten, die uns stolz ihr G ütsch bestaunen ließen, das NATO-Einheitsgewehr G 3. Und wieder hatten wir etwas gelernt, zweierlei: erstens würden hier wohl, im fernen Mittelasien die Staaten der Nato verteidigt, und zweitens, viel wichtiger, drei würde auf Türkisch ütsch heißen. Bir, iki, ütsch – 1, 2, 3, ja, reisen bildet!