Der Weg nach Istanbul


Es begann in der Sauna eines Studentenheimes, Ende 1973. Es wurde die Idee geboren, einfach nach Osten zu reisen, über Istanbul hinaus, danach müsse die wahnsinnige Welt beginnen, so wie sie, meine mitreisenden Kommilitonen, es erlebt hatten, nachdem sie im Jahr zuvor Tanger hinter sich gelassen hatten. Als ob die begreifbare Welt am Rande unseres europäischen Kontinents enden und eine neue, als wahnsinnig zu bezeichnende, warten würde, als wenn es einen Bruch gäbe, zwischen dem hier und dem dort, als wenn nicht alles in einer fließenden Beziehung zu einander stehen würde.

 

Das würden wir wohl noch lernen müssen und meine beiden Mitstudenten malten sich aus, wie die Basare wohl aussehen mögen, hatten sie doch Tanger gesehen, jene Stadt am nordafrikanischen Zipfel nahe Spanien und der britischen Kolonie Gibraltar.

 

Istanbul, wir erreichten die Stadt am 23. Februar 1974 in den frühen Morgenstunden.

Hatten wir ursprünglich vorgehabt in Sofia zu übernachten, so gaben wir das gegen Mitternacht auf, weil uns niemand den Weg zur Jugendherberge zeigen wollte oder konnte, gab es überhaupt eine? Wir hatten uns vorher kaum informiert, uns bloß vorgestellt, dass eine europäische Hauptstadt eine solche haben müsste, und die hätte solange geöffnet, bis wir kämen. An der jugoslawisch-bulgarischen Grenze waren wir die einzigen gewesen, waren neugierig bestaunt worden, hatten Grenzübergänge kennen gelernt, die in überwachten großen Innenhöfen lagen, deren Ein- und Ausgang von Bewaffneten bewacht wurden. Es war Dunkel gewesen, nasskalt. Parka und Springerstiefel vermittelten den Eindruck von Entschlossenheit weiterzukommen.

 

Die Grenze von Bulgarien zur Türkei war der Übergang in eine andere Welt. Die Musik auf der türkischen Seite hatte sich schlagartig geändert, stellten wir sofort fest. In jedem Büro stand ein Kofferradio und plärrte laut vor sich hin. Die Grenzer trugen kakifarbene Uniformen, schwere halbhohe Stiefel, so genannte Knobelbecher. Ventilatoren an der Decke wirbelten die von Ölöfen erhitzte Luft durcheinander. Wir bekamen unsere Papiere, der uralte Käfer war bei einem von uns in den Pass eingetragen, dass wir ihn nicht illegal verkaufen würden.

 

Wir, das waren 3 Studenten aus Bochum, die sich den ausgehenden Winter 1973/1974 ausgesucht hatten, nach Asien auf dem Landwege zu reisen. Knappe 6 Wochen sollte es hin und zurück dauern, der Persische Golf – Abadan – sollte erreicht werden. Der Persische Golf war quasi als Trophäe gedacht, die es galt den Zurückgebliebenen zu zeigen, dass man für diese Reise keine Autokarte, sondern einen Globus gebraucht hätte, den Landweg nachzuvollziehen. Dennoch, mit Karten waren wir gut eingedeckt. Den alten VW-Käfer hatten wir gut präpariert. Die hintere Lehne hatten wir herausgenommen um Platz für Gepäck zu gewinnen, da der dahinter liegende Stauraum zu klein war. So konnte hinten immer jemand schlafen, während die beiden vorne sich auf die über 3.000 km lange Strecke von Bochum nach Istanbul konzentrieren konnten. In Zagreb übernachteten wir noch in einer Jugendherberge, dann verloren wir am 2. Tag viel Zeit in Belgrad, wo wir noch unbedingt Geld tauschen wollten und erreichten in den frühen Morgenstunden des 3. Tages Istanbul.

 

Ein bedingungsloser orientalischer Großstadtverkehr erwartete uns, dazwischen Esel und Lastenträger. Ampeln waren Angebote, deren Rot man annehmen oder ablehnen konnte. Wir schwammen im Verkehr mit, ein ungewisses Ziel vor Augen, ein Studentenhotel nahe der Hagia Sophia. Wir wechselten die Spur, konnten nicht erkennen, dass ein Lastenträger mit einem großen Baumwollballen auf dem Kopf oder dem Rücken die Straße durchquerte (nicht überquerte!), realisierten deshalb auch zu spät, dass der vor uns fahrende Ford Transit abbremsen musste und knallten mit dem linken Scheinwerfer voll in die Panzerung, die Stoßstange. Ob der Fahrer etwas gemerkt hatte? Zumindest hielt er gar nicht erst an, es gehörte wohl dazu, einen Kratzer konnte man auch nicht erkennen. Unser linker Scheinwerfer leuchte jedoch nur noch einen Meter weit, das aber auch sehr intensiv, der Kotflügel war stark eingebeult und wir in Istanbul. Es geschah in der Nähe des legendären Puddingshops.

 

Diese Stadt schien uns das Inferno schlechthin zu sein. Knapp 5 Wochen später würden wir sie als den Vorboten von Heimat verstehen – bloß das wussten wir jetzt noch nicht. Wir würden uns schon Tage vorher freuen auf jene Grillstände mit den leckeren Fischchen und Fleischstücken, Leber, Herz und wohl auch Nieren. Auch wenn man den Betreibern niemals die linke Hand geben dürfe, so ein Engländer zu uns, hier waren sie unsere kulinarischen Höhepunkte. Aber jetzt, hinter Istanbul, wartete zunächst Asien auf uns.