Der Augen Blicke


Seit 2 Wochen hatten wir uns auf der Iranischen Hochebene aufgehalten, 1.500 Meter über dem Meeresspiegel. Wir hatten reiche Basare erlebt, herrliche Moscheen mit ihren wuchtigen Minaretten, die ganz im Gegensatz zu denen in der Türkei standen. Die Luft war immer klar gewesen, die Kälte eher erfrischend. Wir hatten uns an das Straßenbild gewöhnt, die Frauen trugen ihren schwarzen Tschador, waren dadurch für uns unsichtbar.

 

Heute würde es an den Persischen Golf gehen, ab einer bestimmten Höhe rechneten wir mit Palmen, Globi fiel mir ein, eine Komikfigur aus meiner Kindheit. Es gab da eine Serie mit vielen Palmen. Wir wussten, dass der Höhenunterschied uns fordern würde, wussten aber nicht wie. Hatten keine Vorstellung von der Straße, waren etwas angesäuert, dass der Busfahrtschein für die eintägige Fahrt doppelt so hoch sein würde wie sonst. Nun, es fuhr auf dieser Strecke auch nur einmal am Tag ein Bus. Er war aber auch gut besetzt, nur wenige Plätze blieben frei, wir saßen hinten auf der letzten Bankreihe, hatten eben etwas spät reserviert. Aber so hatten wir den gesamten Bus im Blick.

 

Hatten wir bereits Persien mit dem Zug nur erreichen können, weil wir uns der Fahrt über das noch verschneite Hochgebirge anvertrauten, so brauchte es jetzt noch mehr Vertrauen darin, dass der Weg immer breit genug, ein Schlagloch über Nacht nicht noch tiefer geworden sei und niemand entgegen kommen würde. Letzteres wäre das ungefährlichste, denn denjenigen würde man schon sicherlich eine Stunde früher auf der Gegenseite des Tales ausmachen können, wenn er sich die endlosen Serpentinen rauf- und runterquälen würde. Sicherlich hätte auch mal einer kurz vor einem auftauchen können – und dann weit und breit keine Ausweichstelle: einer hätte ein Stück rückwärts fahren müssen. Es war eine reine Nervensache, die sich stundenlang hinzog. In keinem Bus wurde so oft zu Allah gebetet, vor jeder kritischen Stelle hob der Steward an und die Mitreisenden fielen in einen flehenden Singsang ein – so wirkte es auf uns. Meine Mitreisenden beteten – nicht ohne ironische Untertöne – derweil den Rosenkranz, was jedoch nicht weiter auffiel.

 

Draußen wurde es von Serpentine zu Serpentine staubiger, heißer – und es ging bergauf und wieder bergab. Engländer hatten diese Straße im zweiten Weltkrieg gebaut, um über den persischen Golf, unerreichbar für die deutschen Truppen, die seinerzeit alliierten russischen Linien versorgen zu können, erzählte uns einer. So sah die Straße auch aus. In den Fels gesprengt, koste es was es wolle, gestampfter Boden, wenn nicht gerade Fels, bildete den Untergrund. Im Zweifel würden ja Pioniere den Weg wieder herrichten. Befahrbar brauchte er immer nur in eine Richtung zu sein, Militär kann das organisieren. Diese Straße war ein Kriegsprodukt. Niemand brauchte sie heute wirklich. Der eine Bus pro Tag und PKW’s haben wir auch nicht gesehen, auch keine LKW’s.

 

Heiß und staubig war es, Staub kroch erstmals unter das Hemd, die Hitze machte das Denken und alle Bewegungen langsamer. Da traf mich der Augen Blick. Unter einem Tschador blitze ein dunkles Augenpaar und wurde in diesem Moment von meinen Augen festgehalten. Die Blicke verklammerten sich, verhakten sich, kamen zunächst nicht weg von einander. Dann, mit einem Ruck, schauten die beiden Augenpaare woanders hin, kehrten neugierig aber sofort zurück, betasteten sich, lächelten sich zu und verschwanden wieder für eine Weile, sich von dem Schreck oder der Wonne zu erholen. Vorsichtig kamen sie wieder, lugten ein wenig und strahlen sich dann wieder offen an. Anschließend spielten sie Verstecken, dann Fangen und als sie müde waren, ruhten sie aus, streichelten sich vielleicht sogar zärtlich, wer mag das beobachtet haben, es waren die Blicke einer Tschadorträgerin die denen eines europäischen Mannes irgendwo auf staubigsten Serpentinen begegneten. Blicke, welche beider Seelen ein wenig öffneten, einluden bei einander zu ruhen – was sollte sonst in diesem Teil der Welt möglich sein? Es war der warme, neugierig-herzliche Blick einer Perserin, den diese dem verdutzten Europäer entgegenbrachte.

 

Ich war versunken in dieses Spiel der Augen, denn schon zogen die beiden wieder los über die Blumenwiese des kleinen Glücks. Dieser kleine Augenflirt und sein abruptes Ende blieb mir unvergessen, denn plötzlich waren meine beiden Mitreisenden, die das auch alles mitbekommen hatte, nicht mehr zu halten. Sie warfen mit großartigen Bewegungen Handküsse in Richtung jener dunklen Augen. Im nu waren diese hinter dem Gesichtsschleier des Tschadors verschwunden, das Gesicht zur Seite gedreht. Bei der nächsten sich bietenden Gelegenheit verschwand die junge Frau auf einen vorderen Platz im Bus.

 

Ich war nur noch sauer. Musste mir sogar noch anhören, dass man das so mache. Ein junger Perser setzte sich zu uns und erklärte, dass die beiden das unmöglich gemacht hätten, quasi öffentlich beleidigt hätten. Die Antwort der beiden lautete lakonisch: „In Germany we always kiss in the bus.“ Sie wussten offensichtlich immer noch nicht, wo sie waren. Jetzt war das zweite Mal der Augenblick gekommen, dass ich mir eine Trennung überlegte. Ich war ein wenig traurig, aber eine Trennung würde genauso wenig möglich sein, wie seinerzeit in der Türkei. Da musste ich wohl nun durch.

 

In Busher dann, unserem vorläufigen Ziel am Persischen Golf, trafen wir sie wieder. Sie kam uns einen Tag später auf der anderen Straßenseite entgegen und winkte verstohlen herüber. Woran ich sie erkannt hatte, weiß ich nicht mehr, aber auch ein schwarzer Tschador lässt Raum für Individualität. Ich sah sie anschließend nie wieder – es waren jedoch ihre glühenden Augen, die unvergessen blieben.

Passfahrt . . .