Begegnung mit dem Islam


Wir drei, die wir ausgezogen waren, nicht das Fürchten, sondern den Wahnsinn jenseits von Istanbul zu entdecken, stießen sehr bald auf fromme Menschen, die wir nur schwer einordnen konnten, war uns doch der Glaube nicht so präsent, nur Erinnerungen an Kindertage, die für mich mit der Konfirmationen einen einstweiligen Höhepunkt erlangt hatten. Eine Begegnung mit Mormonen ließ mich zwischendurch einmal staunen. Hier aber, in Van, traf ich das erste Mal auf Muslime, die für ihren Gauben auch öffentlich eintraten. Im weiteren Verlauf der Reise traten immer wieder einzelne junge Männer an uns heran, erzählten von Allah, baten uns, einige Zeilen aus dem Koran vom Englischen ins Deutsche zu übertragen und waren am Leben in Europa diffus interessiert. In Van kam es zu einer ersten Begegnung dieser Art.


Wir waren zunächst in den Versammlungsraum dieser Männer eingeladen worden, ein etwas größeres Zimmer in der ersten Etage eines hölzernen Wohnhauses, ein kleiner Versammlungssaal. Es musste sich um eine Minderheit gehandelt haben, heute würde ich auf Schiiten tippen, damals war ich unwissend. Die Männer hatten tiefschwarze Augen und Haare, eine dunkelbraune Haut, wirkten grobschlächtig und eher beängstigend auf mich. Doch wir wollten die Welt erleben und fanden heraus, dass unsere Gesprächspartner in der englisch/deutsch geführten und anschließend gedolmetschten Unterhaltung von einer ausgesprochenen Herzlichkeit waren. Es waren fünf, unerbittlich in Glaubensangelegenheiten, aber freundlich im Umgang. Es ging um die Existenz Gottes und Allahs, nebeneinander, sich abgrenzend und doch für die Christen und Mohammedaner ähnlich. Natürlich waren wir den Fünfen in der Glaubensdiskussion genauso unterlegen, wie ich es zuvor den Studenten der SED auf dem UZ-Fest in Düsseldorf während eines kleinen gesellschaftspolitischen Disputes war. Hier, in der Türkei, wäre es sicherlich auch von Vorteil gewesen, ein wenig mehr über seine eigenen ethischen und historisch gewachsenen Grundlagen zu wissen, wenn man es schon nicht zu seinem Glauben gemacht hatte.


Wir vertagten die Fortsetzung des Gesprächs auf den nächsten Tag. Ich würde nicht teilnehmen können, da ich auf der Bahnfahrt zuvor und dem anschießenden Aufenthalt im Wartesaal der Busstation einen Termin vereinbart hatte. Das jungen Paar, das in Van eine Autowerkstatt hatte, wollte uns vielleicht einen Jeep für einen Ausflug in die Berge ausleihen. Na, das wurde eine Luftnummer und ich habe wieder gelernt, dass man zwar alles glauben soll, was man unterwegs hört und zugesagt bekommt, aber nicht zu ernst nehmen muss.


Meine beiden Mitreisenden berichteten mir dann von ihrem Treffen. Wieder hatten sie über die Existenz und das Wirken von Gott und Allah gesprochen. Auf dem Tisch hätte neben dem Koran auch eine Bibel gelegen. Beide Bücher wurden als Zeugen für die göttliche Existenz bezeichnet. Sie wären von Allah oder Gott, je nachdem, ob man als Mohammedaner oder als Christ die Welt sehen würde. Und wieder spüre ich, dass beide Religionen wohl gar nicht soweit auseinander liegen, habe allerdings auch einen entscheidenden Unterschied gelesen: Einem Mohammedaner sei die Vorstellung absolut fremd, dass ein Sohn Gottes für die Menschen leiden würde. Dies könne nicht Teil eines islamischen Glaubens sein.


Damals schien aber an dem Tag die sprachliche Verständigung nicht mehr ausgereicht zu haben, auch einfache Tatbestände aufzuklären. Um deutlich zu machen, dass es weder eine Existenz Allahs, noch von Gott gäbe, ließen meine Mitreisenden zunächst den Koran, dann die Bibel auf den Boden fallen, erzählten sie, um dann fragend in den Raum zu schauen : „Und wo ist jetzt Allah, wo ist Gott?“. Da hätten die anderen sehr komisch geschaut, berichteten sie und die Begegnung war dann auch bald zu Ende. Wir haben auch nichts mehr von ihnen in der uns in Van verbliebenen Zeit gehört und gesehen. 


Ich war allerdings entsetzt. Zum einen gehört es sich nicht, Symbole des Glaubens derart zu verunglimpfen. Es grenzt an Blasphemie, die heiligen Bücher derart unwürdig zu behandeln, hat man einen Glauben sich selber auch nicht zur Lebensgrundlage gewählt. Und dann dort im Grenzland zwischen Zivilisation, wie wir sie gerade noch verstehen können, und dem wilden Bergland, wo zunehmend mehr die Gesetze der Stämme und Großfamilien herrschen, dem nur scheinbar unbewohnten Hochgebirge. Dort herrscht eine andere Ethik, herrschen andere Gesetze, andere Freiheiten und Grenzen.


Heute hätte ein solches Handeln durchaus individuelle Lebensgefahr auslösen können, dieses unbedachte Hinübernehmen von Verhaltensweisen in eine andere Welt. Vielleicht hätte es auch sehr spontanes Handeln ausgelöst. Ich fühlte mich unwohl in der Gesellschaft, aber es gab keine Möglichkeit der Trennung, da die Wege uns immer wieder zusammenführen würden. Meine Kritik verstanden sie nicht. Sie verstanden auch nicht, dass sie sich nicht allein gefährdet hätten, sondern ich auch Ziel der Beleidigten geworden wäre, als Zeuge und Mitwisser.

Nun, der internationale Zug von Istanbul nach Teheran würde am Abend des nächsten Tages kommen und uns von Van wegbringen. Er verkehrte einmal in der Woche und braucht jeweils 4 Tage für die gesamte Strecke. Aber ich nahm mir vor, zukünftig aufmerksamer zu sein.