Am Persischen Golf


Wir waren nach der staubigen Fahrt über den unendlich langen und verwindeten Pass am Persischen Golf angekommen, dem Scheitelpunkt unserer Reise, dem selbst gesetzten Ziel, um überhaupt eines zu haben. Nirgendwo anders in meinem Leben hat der Spruch, dass der Weg das Ziel sei, eine derart große Bedeutung gewonnen, wie gerade hier auf dieser Reise. Es hätte auch niemandem erklärt werden können, weshalb man rd. 6.000 km teilweise strapaziösen Landweg auf sich nimmt um ein derart dreckiges Gewässer aus aller größter Nähe sehen zu können. Hatte ich noch von Palmen geträumt, an einem wunderbaren Sandstrand, so waren die zwar zu sehen , aber es hätte großer Wunder bedurft, die Landschaft als schön herzurichten, sie war öde, von Piplines durchzogen, sandig. Abwechslung kam auf, als wir zwei Flüsse überqueren mussten, Brücken gab es dort keine, die Motorräder wurden auf Eselskarren verladen, wer trockenen Fußes rüber wollte, kam gleich dazu. Die anderen wateten manchmal bis zum Bau durch das Wasser – das hing von der Größe ab. PKW’s versuchten mit Schwung hindurch zu kommen, es waren ohnehin Allradfahrzeuge, blieben aber gelegentlich doch auch hängen, mussten warten, bis sie rausgeschleppt wurden. Dem Bus durfte das natürlich nicht passieren.


Die Fahrer kannten natürlich die Übergänge. Bei der ersten Durchquerung gelang es mit Schwung und einer riesigen Bugwelle vor der Wundschutzscheibe auf dem direkten Weg hindurch zu kommen. Die zweite Durchquerung gestaltete sich schwieriger, musste man doch auf der anderen Seite im Fluss das Fahrzeug um 90 Grad abbiegen lassen, um dann, auf einer Rampe das Ufer zu erklimmen. Hier ging ein Führer dem Bus voraus, als Lotse dem Fahrer die günstige Stelle der Furt zu zeigen, der Bus folgte im Schritttempo.

 

Busher hatte den Charakter eines Badeortes, nur wer würde in der Brühe baden wollen? Es gab einen Fotografen, der auf der Promenade seine Kunden suchte. Ein smarter Typ, wirkte wie ein Engländer sprach jedoch nicht deren Sprache. Ein knallig-blaues Sakko mit großem Karomuster hatte er an, ein eleganter Oberlippenbart verzierte sein Gesicht, und natürlich hatte er etliche Kameras umgehängt. Eine Witzfigur, die Karikatur des englischen Badeortfotografen aus, sagen wir Bornemouth.


Das Leben war südländischer – nach unseren europäischen Begriffen. Das Hotel mal ganz anders, um einen Innenhof öffneten sich die Türen zu allen Zimmern und Schlafräumen. Im Innenhof saßen die Menschen dann gegen Abend zusammen und palaverten, ein Baum spendete zusätzlichen Schatten. Aber es war eine Stadt am Golf, dem arabischen Teil von Persien, deutlich waren die Unterschiede zu erkennen. Prächtige Moscheen suchte man vergeblich, die Menschen trugen ihren Turban anders – waren das hier Sunnniten? Man spürte eine andere Volksgruppe.

Abadan, die bekannte Erdöl- und Hafenstadt, war irgendwie trostlos, so wie vielleicht jede Hafenstadt. An drei Dinge erinnere ich mich. Zum einen waren es die Augen des kleinen Mädchens, vielleicht 4 Jahre alt, allenfalls wenig mehr. „Give me money, Master!“ bettelten die großen braunen Augen. Ich gab nichts und die Augen verfolgten mich mein Leben lang. „Give me money, Mister!“ Auch die Stimme war geschult. Das andere war ein riesiger Seidenteppich, wohl so etwa 4 x 6 Meter groß. Alles Naturseide, 50.000 $, zum „Gleichmitnehmen“, ein wunderbares Stück, die Muster von Vorder- und Rückseite waren von fast gleicher Schärfe, ein wichtiges Kriterium, wie wir inzwischen gelernt hatten. Und schließlich fanden wir den Weg zum alten Bootshafen im Mündungsdelta von Euphrat und Tigris. Dort lagen die abgewrackten Piratenschiffe, so stellten wir es uns vor, Schmuggelboote, von denen manchmal nur noch das Gerippe zu sehen war, die Holzplanken waren weggefault. Karl May hätte seine Freude gehabt. Auf der anderen Seite des Flusses waren Palmen zu sehen, ein ganzer Wald, dicht an dicht. Wir waren fasziniert. Ja, das sei der Irak, bedeutete man uns – es war das Jahr 1974, Ende März. Wir fühlten uns wie im 19. Jh., aber ohne jeden romantischen Schnörkel.


Fuhr man ein Stück über Land mit dem Bus, so war alles flach, überall gab es kleine Seen, die Straße war auf einem Damm gebaut und rundherum wohl eher so etwas wie Moor: kein anderes Durchkommen, als über diese Straße. Leitungstrassen für Elektrizität und Pipelines bestimmten die flache Landschaft. Gelegentlich mal ein Hotel. „Das gehört der Familie des Schah“. Und überall Förderpumpen für Öl, gelegentlich auch Bohrtürme.


Wir freuten uns auf die Abreise, fragten uns aber immerhin noch, welch ein Klima hier wohl im Sommer herrschen müsste.


Ein kleiner Nachsatz aus dem Jahr 2015. Bereits 1974 sprach man in Busher von einem Kraftwerk atomisches, das mit deutscher Ingenieurleistung erstellt werden sollte. Das war vor 40 Jahren, in denen sehr viel passiert ist, aber an der Idee wurde bis heute festgehalten. Man hat Zeit.  

Bandar Busher - am Persischen Golf 

Von Bandar Busher nach Abadan

Abadan