Über verschneite Berge


Um 18:30 Uhr sollte der internationale Zug Van Richtung Teheran verlassen. Rechtzeitig fanden wir uns auf dem tiefdunklen Bahnhof ein und warteten. Einige Funzeln verbreiteten ein trübes Licht. Kalt war es immer noch. Wir warteten geduldig auf den Zug - mit uns eine pakistanische Großfamilie. Kinder wie die Orgelpfeifen, die kleinsten so, dass sie wohl gerade laufen konnten, etliche Erwachsene. Viele Koffer, die restliche Kleidung in Bettbezüge gestopft, die wie riesige Säcke hin und her getragen wurden. Ihr Kleinbus war liegen geblieben, fahruntüchtig. So setzten sie per Bahn die Heimfahrt fort. Wie wir ahnten sie, dass wir etwas unternehmen müssten, die Nacht würde kalt werden, der Zug irgendwann kommen, aber wann? Im Bahnhof gab es nur ein Gleis, keinen Warteraum, nichts als ein Amtsgebäude für das Bahnpersonal. Die dort sitzenden Beamten gaben weder Auskunft, noch teilten sie ihr warmes Zimmer mit uns allen.

Schließlich kam Bewegung ins Spiel. Husch, husch waren plötzlich die großen Wäschesäcke der Pakistaner im Amtszimmer, kleine Kinder lagen drauf, sichtlich erschöpft und wollten schlafen, Mütter setzten sich dazu, niemand war zu bewegen, das Amtszimmer aber nun „hopp, hopp“ zu verlassen.


Es wurde verhandelt, die türkischen Beamten waren alles andere als Unmenschen, hatten Mitgefühl – aber so ginge es ja auch nicht! Es fand sich eine Lösung – ein D-Zugwaggon wurde auf das Gleis gestellt, dort könnten wir hin. Niemand bewegte sich. Jeder wusste, dass es auch dort kalt sein würde. Dann das Versprechen, eine Lok davor zu spannen und den Waggon zu heizen. Als dieser warm genug war, verließen wir das Haus und bestiegen den Waggon. Licht gab es keines, aber dafür Flüche im breiten amerikanischen Slang aus einem der Abteile. Wir fühlten uns hingezogen und fanden zwei amerikanische Boys, die nicht wussten, wohin sie jetzt wieder rangiert worden waren.


Es wurde eine unterhaltsame Nacht. Lange erzählten wir uns Reisegeschichten, erzählten mehr, als dass wir zuhörten. Nach einiger Zeit kamen Türken zu uns, Kurden. Sie wollten Geschäfte machen, Uhren tauschen. Alles im stockdunklen Zug, der allerdings zunehmend wärmer wurde. Und von vorne kam das beruhigende Dröhnen des Lokdiesels. Es waren große Männer mit riesigen Händen. Wir lachten, scherzten und vergaßen alles andere rund um uns herum. Wir waren irgendwo angekommen, bei einer Art Lagerfeuer auf einem Ritt in ferne Welten. So fühlten wir uns und schliefen dann irgendwann ein.


Als wir wieder aufwachten, war es Tag, der Zug rollte langsam, aber stetig in die Berge hinein, hinauf. Wir hatten nicht mitbekommen, dass der internationale Zug in der Nacht kam, unser Wagon angekoppelt wurde und hinter uns noch ein kilometerlanger Güterzug hing. Wer schon einmal Schlafwagen gefahren ist, wird diese Leistung der türkischen Eisenbahner dort am Ende der Welt sehr zu schätzen wissen!


Phantastisch war die Fahrt über das Gebirge. Nach allen Seiten nur Schnee und der Zug quälte sich mit seinen beiden Loks langsam aber stetig in immer größere Höhen. Kein Baum, kein Strauch zeigte sich, nur in der Ferne, am Horizont der Hochebene erkannte man gelegentlich so etwas wie die Ansammlung von Häuser, einige karge Bäume. Aber der Zug und sonst nichts, das war das Thema dieses Übergangs von der einen zur anderen Welt. Heute Abend würden wir in Persien sein.


Wir trafen unsere türkischen Kurden vom Abend zuvor wieder. Auch wenn sie über gewaltige Hände, grobschlächtige Gesichter und überhaupt ein offensichtlich raues Wesen verfügten – sie waren von einer ungeheuren Herzlichkeit. Sie wollten in die Berge, würden noch vor Erreichen der Grenze aussteigen. Und in der Tat, gelegentlich hielt der Zug, einzelne Menschen stiegen aus, stapften mit Beuteln auf dem Rücken durch den Schnee irgendeinem Ziel entgegen, es war nicht zuerkennen welchem.


Wir wurden gebeten Fotos von den Mitreisenden zu machen, Porträts, die noch heute meine Bilder-Sammlung schmücken. Adressen wurden mir mitgegeben, mit krakeliger Handschrift zu Papier gebracht. Die Bilder habe ich alle Monate später dorthin geschickt. Kein Brief ist zurückgekommen, ob alle aber ihre Adressaten erreicht haben? Auch der Zugschaffner, in blauer Uniform, mit roten Streifen und vielen Goldknöpfen wollte ein Foto – ich hoffe, er hat es bekommen.


Währenddessen schlich der Zug immer weiter. An den Südhängen war der Schnee schon geschmolzen, überflüssige Verkehrsschilder machten deutlich, dass die Sandpiste parallel der Bahnstrecke wohl eine wichtige Straße sei, die jetzt rechts über die Gleise abbiegen würde. Irgendwo ging ein Pferd durch, als es den Zug kommen sah und der Reiter hatte große Mühe, es wieder zu beruhigen.

Irgendwann sickerte die Information durch, dass dieser Wagon an der Grenze abgehängt und in der Türkei bleiben würde. Wir müssten in den internationalen Teil umziehen – bloß da wäre schon jeder Platz belegt. Gegen Mittag erreichten wir dann die Grenzstation, ließen unsere türkischen Freunde zurück und wechselten in den „persischen“ Sektor des Zuges. Irgendwo fand sich ein Platz auf den Gängen, in der folgenden Nacht auch mal in einem Abteil, denn man lernte schnell die Menschen kennen, alles Kids, die den Weg nach Asien suchten, auch mal die pakistanische Großfamilie, die sich ihre Nische schon lange vor uns erkämpft hatte.


Wir würden Akkym kennen lernen, der uns dann mit Jonny in Teheran bekanntmachen würde, beide stammten aus Quetta in Pakistan. Aber noch standen wir für Stunden an der Grenze hoch droben im Gebirge, keiner durfte raus, die Türen mussten geschlossen bleiben, im Zug wurde es immer heißer und eng war es allemal. Dann ging es weiter, eine unruhige Nacht, viele neue Gesichter, alles jetzt auf englisch, ein sichtbar neuer Abschnitt auf unserer Reise. Die meisten waren schon 4 Tage unterwegs, wir ja erst kürzlich zugestiegen. Am Morgen des nächsten Tages erreichten wir die Vororte von Teheran. „They live in huts“, hatte uns ein sehr gebildeter Mitreisender vorgewarnt. Und in der Tat, eine Stunde etwas brauchten wir durch die Vorortslums den Hauptbahnhof zu erreichen – Teheran und jetzt sollte es erst richtig losgehen.

Irgendwo da: