China 1901


Ein halbes Jahrhundert nach meinem Großvater  begann ich  meine Reise nach China – und bin doch, ganz im Gegensatz zu ihm, noch immer nicht angekommen. Ein kleines Stückchen habe ich jedoch in den letzten Jahren zurückgelegt. Mein Ticket ist ein kleiner goldener Ring mit geheimnisvollen Schriftzeichen darauf, welchen ich zu meiner Taufe erhielt. Er war einem Schränkchen entnommen, in welchem mein Großvater seine Mitbringsel aus China der staunenden Familie und allen Besuchern präsentiert hatte. Mein Großvater war bereits vor 10 Jahren verstorben, meine Großmutter lebte jetzt mit dem Schränkchen, später meine Mutter, nachdem mein Vater verstorben war. Und dann, vor mehreren Jahrzehnten erhielt ich das Schränkchen. Es ist ein Familienerbstück, welches auf magische Art und Weise von einem untergegangenen Reich im fernen Osten erzählt, verklärt und den deutschen Kolonialismus unkritisch dokumentiert, das deutsche Kaiserreich und dessen Wut des zu spät Gekommenen aufzeigt. Ja, man meint den Triumpf zu erkennen über die scheinbaren Barbaren. Zur Ehrenrettung meines Großvaters soll jedoch nicht verschwiegen werden, dass er als Stabsarzt im Jahr 1900 auf einem Kriegsschiff nach Peking kam und sich auch für die chinesische Medizin interessierte und die Philosophie des Ying und Yang, worüber er eine Abhandlung schrieb.

 

Was aber bei seinen vielen Enkeln übrig blieb, war die Beteiligung an der Niederschlagung des Boxeraufstandes, welcher sich gegen die westlichen Gesandtschaften in Peking gerichtet hatte und einen Höhepunkt in der Ermordung des deutschen Gesandten fand. Die Mitbringsel im Schränkchen waren seine persönlichen Trophäen, der tönerne Drachen aus dem Dach des Kaiserpalastes von seinem „Burschen“ herausgebrochen. Nur ein Bild seines „kleinen Mädchens“ (so meine verständnisvolle Großmutter) sucht man vergebens. Heute weiß ich, dass er nicht an der Befreiung beteiligt war, sondern an der von Wilhelm II. befohlenen anschließenden Bestrafungs-expedition – Stichwort: Hunnenrede.

 

„Mein China“ kennt nur das Schränkchen aus der Kindheit, sowie anschließend Mao und seine spätere Kulturrevolution. Es ist so, wie wenn man mitten in Texas gefragt würde, ob immer noch dieser komische „Führer“ in Deutschland Kanzler sei. Mein Bild von China ist überholt, aber tief eingeprägt, äußerst lückenhaft, aber zugleich sehr plastisch. Es ist falsch und doch so wunderbar exotisch, betont zeitlos, was China in unserem Weltbild ausmacht. 


Ich reise zurück, erfahre mehr über den Boxeraufstand, das imperiale Gezerre um das Riesenreich und die Kaiserwitwe, Tsingtau, Tientsien und Bei-Jing (Peking) werden konkrete Orte. Vor mir tauchen meine Lieblingsbilder auf, 3-D-Fotografien von Chinesen, auf der Mauer sitzend, vor dem Barbier, mit Kamelen. Diese Bilder konnten mit einer schweren Spezialbrille tatsächlich den Eindruck räumlicher Tiefe vermitteln.

 

Und während ich weitersuche, stoße ich auf zwei Holzkästen, welche kleine Glasplatten enthalten, auf denen Fotografien aufgetragen waren, Dias im Großformat, die man mit einer Laterna magica an die Wand projizieren konnte. Sie sind mittlerweile zerbrechlich, lassen sich nur unvollkommen digitalisieren, sprechen aber zu mir, erzählen von Schiffsbauern, Frauen auf den Flussschiffen, Häfen voller Djunken, Bahnhöfen, Würdenträgern, aber auch den einmarschierenden Soldaten.

 

Ob der Mandarin wohl eine solche Opiumpfeife geraucht hat? Möglicherweise hat auf seinem Schreibtisch der geschnitzte Elfenbeinbecher gestanden, oder er hat den Tisch mit dem hölzernen Drachen geschmückt. Seine Kinder mögen mit dem Affen gespielt haben, der auf allen Händen und Füßen stehen kann, während seine Frau dem Zirpen der Grille gelauscht haben mag, für die ein kleiner Käfig aus Elfenbein geschnitzt worden war. Am liebsten hatte ich den Rischka-Fahrer, fein in Silber gebaut. Jeder Winzigkeit ist zu erkennen.

 

Der Boxeraufstand richtete sich in erster Linie gegen die ausländischen Kolonialmächte. Diese versuchten in China Fuß zu fassen. Ein riesiger Markt war zu erobern, sobald man das Land erneuert hätte. Eisenbahnlinien wurden gebaut, ein Telegrafennetz betrieben, Handelsagenturen und Produktions-stätten eingerichtet. Tee war ein begehrtes Produkt und die Engländer hatten in den sog. Opiumkriegen Mitte des 19.Jh. durchgesetzt, diesen allein mit Opium zu bezahlen. China in seinen alten Strukturen sah sich kaum in der Lage, dem etwas entgegenzusetzen.   


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