Links längs - oder was?

In der Grundschule (Stade - Am Burgwall - 1956 bis 1960) hatte ich einen Platz in der Fensterreihe gehabt.

Von Frau Huntschau hatten wir dann gelernt, dass die Fenster links sind und wir mit der rechten Hand schreiben.

Das mit Rechts und Links war also schnell zu verstehen und nicht zu vergessen.

Die Koordinaten stimmten - sagen wir mal so etwas mehr als 10 Jahre.

Dann kam die Zeit um 1968 - für mich noch Schule, doch verbunden mit der visionären Erfahrung, dass die Zukunft nur links sein kann. Mit der Rechten wurde geschrieben, mit der Linken zeigte man den  Weg nach vorne auf. Einer unserer Lehrer (Willy Sch.) bekannte sich zur DKP und war mit Beate Klarsfeld befreundet. Er brachte uns die Wirtschafts- und Sozialkunde bis zum Abitur bei. Aber seine linke Position war mir suspekt - so zeigte mir Willy Brandt nach 1970 den linken Weg und heute sind es bald ein halbes Jahrhundert, dass ich dem immer selbstbewusster durch alle Zweifel hindurch folge. 

 

Ich habe mich immer links längs laufend oder schleichend gewähnt. Doch was hieß das? Und war es immer selbstbestimmt? Ist es das noch oder wieder?

 

Lassen wir die vielen Zweifel Vergangenheit sein und verstecken wir sie in der Schublade der unreflektierten Realpolitik. Kommunalpolitik ist das meist gewesen. Die höher angesiedelten Ebenen des föderalen Staatswesens folgten den Realitäten der Koalitionsgeografie - und damit auch einer Ausdrucksform von Realpolitik. Punkt und Sternchen.

 

Links und Rechts begegnen uns heute wieder als Bindestrichwörter zu Chaoten oder auch Terrorismus. Und seit es Salafisten u. ä. gibt, gewinnen letztere unabhängig von den Bindestrichvorsilben eine fast neutrale Bedeutung. Und Kommunalpolitik folgt nicht den politischen Koordinaten, sondern den Projekten und Vorhaben, die eine Mehrheit erhalten und oft (oder meist?) von Menschen initiiert, die dem öffentlich gemachten politischem Spektrum nicht zugeordnet sind: Strippenzieher mit Interessen.

 

Das Koordinatensystem hat an Bedeutung verloren. Politik ist auf der Suche nach Mehrheiten. Die Menschen, die ihr die Sorge um das höchstpersönliche Wohlergehen mit ihrer Wahlentscheidung übertragen haben, suchen Sicherheit und Zukunft, manches mal auch Freiheit. So ist das - wer mag da über Links und Rechts richten? Ich will es versuchen. Punkt und zwei Sternchen.

 

Ich werde weiter links längs laufen, gehen oder schleichen. Und bedeutet eine Abkehr von jeglicher Gewalt und eine Zuwendung hin zu einer offenen Gesellschaft, die allen zuvörderst ihre Rechte und Freiheiten sichert, deren soziale Existenz sowohl garantiert als auch verteidigt und sie in die Lage versetzt, sich ökonomisch zu behaupten. Bildung als eine wesentliche Form der Persönlichkeitsentwicklung wird nicht nur gefördert, sondern auch gefordert.

 

Ein ökologisches Verständnis von der Umwelt und die Bereitschaft dafür einzutreten wird Voraussetzung dafür sein, dass jegliche soziale und bildungsorientierte Förderung nachhaltig Früchte tragen wird. Ohne eine stabile Umwelt geht nichts. Ein nicht bewältigter Klimawandel betrifft sowohl Linke wie Rechte, aber auch die in der Mitte.  

 

Wenn ich weiter links längs gehe, dann habe ich die 150-jährige Geschichte meiner Partei wohl im Kopf, auch die Kämpfe und Kriege im 20 Jh. Ich sehe Europa als den Hort einer weiterhin friedlichen Entwicklung vor der Haustür, die auch für meine Enkelinnen selbstverständlich sein soll. Doch Links wie Rechts haben die prägende Bedeutung ihrer Begriffe eingebüßt. Freiheit, Sicherheit, Transparenz, soziale Absicherung, Zukunft und vor allem eine gesunde Umwelt stehen einer Bedrohung gegenüber, die man mit Worten beschreiben kann wie: Abkehr von demokratischen Grundrechten, Willkür durch unkontrollierbare Datensammlungen, Durchbrechung der Gewaltenteilung und Ausbau einer Lobbyistenstruktur, Ablösung des Solidaritätsprinzips in der Sozialpolitik, Leugnung des Klimawandels sowie eine unzureichende Zukunftsvorsorge in allen Bereichen.

 

Links längs gehen heißt daher diese Ziele für eine bessere Welt im Auge zu haben und daran mitzuwirken, sie zu erreichen. Ich werde meine Klappe aufreißen und schreiben. Vielleicht habe ich ja auch mal etwas zu sagen.        

 

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