"Gutmenschentum"

"Gutmensch" - damit wird man heute beschimpft, wenn man versucht, an die Werte zu erinnern, die unsere Gesellschaft bestimmen. Werte, in denen man aufgewachsen ist und an denen man sein Leben orientiert hat. Zwar nicht immer mit Erfolg - aber wer ist schon fehlerlos? Man muss seine Fehler erkennen, um an ihnen arbeiten zu können. Nächstenliebe, Toleranz, Humanität sind Werte, die unserer Gesellschaft eigen sind. Eine Demokratie auf Basis eines Rechtsstaates haben wir uns gewählt. Und diese Demokratie mag in einem immer währenden Kampf mit dem Kapital stehen, das seine Interessen durchsetzen will - es gibt Regeln, die einzuhalten sind. Und niemand wird unsere Gesellschaftsordnung leichtfertig aufs Spiel setzen wollen - oder doch? 


Da sind jene, die meinen, sie seien das Volk, andere niederbrüllen und sich anschließend als "besorgte Bürger" bezeichnen. Sie bauen an einer anderen Gesellschaftsform, einer, die alle erreichten Werte nicht allein in Frage stellt, sondern radikal abschaffen will. Aus der Mitte dieser Menschen kommt die Idee, kommt die geistig-moralische Unterstützung jener, die Häuser für Flüchtlinge anzünden. Nein, eine solche Einstellung lehnen wir doch ab!  

Wikipedia zum Begriff des "Gutmenschen" 


Gutmensch ist sprachlich eine entweder ironische, sarkastische, gehässige oder verachtende Verdrehung des eigentlichen Wortsinns „guter Mensch“ in eine Verunglimpfung. Der Ausdruck gilt als politisches Schlagwort mit meist abwertend gemeinter Bezeichnung (...). Diesen wird vom Wortverwender eine Absicht bzw. Eigenschaft des – aus Sicht des Sprechers – übertriebenen „Gutseins“ oder „Gutseinwollens“ unterstellt, wobei diese angebliche Haltung unterschwellig als übermäßig moralisierend und naiv abqualifiziert und verächtlich gemacht wird. In der politischen Rhetorik Konservativer und Rechter wird Gutmensch als Kampfbegriff verwendet. abzuqualifizieren“.


Und dann steht man auf, stellt sich vor die Flüchtlinge aus Syrien, Eritrea und anderswo und stellt fest, dass es nur ein "Ja" zur Aufnahme geben kann,  jedes "Ja, aber . . . " wäre eine verdeckte Ablehnung - oder eine offene, je nach dem. Und plötzlich ist man ein "Gutmensch", weil man nicht akzeptieren will, dass manche eine Obergrenze Ihrer Werte für erforderlich halten. Eine Obergrenze für die Zahl der Flüchtlinge insgesamt, im Wissen darum, dass dann wieder Menschen ertrinken, ersticken, erfrieren werden. Nein, das sind nicht jene, die Flüchtlingsheime anzünden, keine, die andere niederbrüllen.

 

Eigentlich sind sie ganz normal. Sie können aber nicht unterscheiden zwischen der Rettung von Menschen und dem eigenen Schutz. Sie denken nicht weiter und halten den Schutz der eigenen Werte für wichtiger, als diese anzuwenden. Das wäre ja politische Korrektheit - und die lässt den Gutmenschen erkennen, jenen Naivling der daran glaubt, was er gelernt hat.

 

Und so schiebt sich jeder verunsicherte Bürger, jede Bürgerin auch, weiter in die rechte Ecke, weil der Spagat nicht gelingt - flexibel mit seinen Werten umzugehen, sie hoch zu halten und nicht fallen zu lassen, während man die andere, die rettende, Hand dem Flüchtling reicht, ihm auf das Drahtseil helfend. Wie soll er sein Unvermögen anders erklären, als mit den Fingern auf die Andersdenkenden, die Gutmenschen, zu zeigen? 

 

Die politische Rechte spricht sogar vom Terror der Gutmenschen. Der Begriff „Gutmensch“ wirke hier als Code, um in diesem Denkmuster sprechen zu können und verstanden zu werden, ohne die eigene Gesinnung deutlich formulieren zu müssen. Ein bekanntes Beispiel sei es, in antisemitischen Reden das Wort „Jude“ durch das Wort „Gutmensch“ zu ersetzen. Zuhörer, die sich gar nicht als Antisemiten verstünden, könnten diesen Reden bedenkenloser zustimmen.

Katrin Auer:Political Correctness“ – Ideologischer Code, Feindbild und Stigmawort der Rechten In: Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft. Band 31 Nr. 3, 2002, S. 294 und 300

 

Wir müssen vorsichtiger werden im Gebrauch unserer Sprache. Sie verrät uns, führt das Denken aber auch zugleich in eine Richtung, die jenen noch fremd ist, die mich heute als einen Gutmenschen bezeichnen. Sie wähnen sich doch noch  so weit vom fremdenfeindlichen Rand unserer Gesellschaft entfernt, so weit, so weit, dass sie es dann, wenn es nicht mehr weitergeht, gar nicht mehr bemerken - wo sie angelangt sind. 

 

Wer eine Zukunft will, muss in Veränderungen denken und handeln können


Die so Angegriffenen sehen darin einen rhetorischen Kunstgriff, der ihre Bestrebungen nach Humanität, Solidarität und sozialer Gerechtigkeit ins Lächerliche ziehen soll. Die Einordnung des Gegenübers als „Gutmensch“ ziehe die Diskussion auf eine persönliche und emotionale Ebene, um so einer inhaltlichen Auseinandersetzung auszuweichen.

Clemens Knobloch:

Moralisierung und Sachzwang. Politische Kommunikation in der Massendemokratie. Duisburg 1998 


Der Begriff „Gutmensch“ ist in der politischen Rede mittlerweile zu einem Kampfbegriff geworden, mit dem politische Gegner und Andersdenkende diffamiert und abqualifiziert werden sollen. Allerdings findet diese Diffamierung in der Regel nur von Seiten konservativer bis hin zu extrem rechter Personen statt und richtet sich gegen diejenigen, die sich für ein friedlich-schiedliches Miteinander unterschiedlicher Personengruppen einsetzen.

Das Stigma „Gutmensch“

Astrid Hanisch und Margarete Jäger, in DISS-Journal 22 (2011)


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