Paris am  Freitag, dem 13. November 2015 - abends

Ich kenne Frankreich, werde sicherlich auch an manchen Plätzen gewesen sein, wo jetzt, am 13. 11. 2015 diese Bombenattentate stattgefunden haben. Mein Mitgefühl haben die Opfer, die Angehörigen, alle Verletzten und auch die traumatisierten Menschen.

 

1973 war ich das erste Mal in Paris, einer freien, liberalen Stadt, habe Wahlsiege "der Linken" vor dem Gebäude der l'Humanite" erlebt und auch große Veranstaltungen anderswo. Ich habe in kleinen Restaurants fein und (früher) oft auch preiswert gegessen,  habe die menschenleere Stadt auch gegen 3 Uhr früh schon mal mit einem Käfer durchquert - kapituliere aber heute vor dem Verkehr. Die Stadt hat für mich ein Gesicht, auch wenn es gealtert ist und nicht mehr aufgefrischt wird.   

 

Les Halles wurden am Rande (oder mitten drin?) des jüdischen Viertels neu bebaut: Das "Centre Pompidou" wurde 1977 eröffnet und soll französischen Staatsbürgern wie auch Fremden aller Gesellschaftsschichten freien Zugang zu Wissen garantieren. Paris ist eine lebendige Stadt, historisch gewachsen und hat seine Geschichte auch nie verleugnet. Sie ist weltoffen, aber auch deutlich getrennt nach arm und reich, zerbricht gelegentlich an diesen Widersprüchen, steht aber anschließend immer wieder auf. Fast jeder fünfte Franzose lebt im Großraum Paris. Es ist eine der wirklichen Metropolen unserer Welt.

Und hier stutze ich, zögere, meine Erinnerungen an Paris nieder zu schreiben: "Unsere Welt", das geht so unkritisch raus. Es gibt viele Welten - und wir wissen es, blenden es nur aus, denken uns allein als zentralen Punkt der Welt.

Wie vermessen!

Paris steht nicht allein im Fadenkreuz der Terroristen, tags zuvor war es Beirut, die Hauptstadt des Libanon, "nur" 1/3 so viele Tote, mag man Zyniker hören. Und in den Nachrichten fand es nur kurz Erwähnung, kein Gebäude wurde in den Farben des kleinen Landes zwischen Syrien und Israel angestrahlt, der ehemaligen "Schweiz des Nahen Osten" - wie man so sagte.  Und auch dieses Land hat eine Nationalhymne:  


Auf, ihr alle! Für Vaterland, Flagge und Ruhm!

Unser Mut und unsere Schriften suchen in den Altern ihresgleichen.

Unsere Berge und unsere Täler bringen unerschütterliche Männer hervor.

Und der Vollendung widmen wir all' unsere Anstrengungen.


Auf, ihr alle! Für Vaterland, Flagge und Ruhm!


Unsere Vorväter und unsere Kinder, sie erwarten des Vaterlandes Ruf,

Und am Tage der Entscheidung werden sie wie des Urwalds Löwen sein.

Das Herz unseres Ostens ist auf immerdar der Libanon,

Möge Gott ihn erhalten bis zum Ende der Zeit.


Auf, ihr alle! Für Vaterland, Flagge und Ruhm!


Die Edelsteine des Ostens ist ihr Land und ihre See.

Durch die ganze Welt wirken ihre guten Taten von Pol zu Pol.

Und ihr Name ist ihr Ruhm seit der Zeit unserer Großväter.

Sein Ruhm ist seine Zedern, sein Symbol ist für das Ende von Epochen.


Auf, ihr alle! Für Vaterland, Flagge und Ruhm! 


Und ich spreche an dieser Stelle auch nicht vom untergegangenen Damaskus, den vielen anderen Städten des Nahen und Mittleren Osten und auch nicht von Aleppo, von dem der EU-Parlamentspräsident Martin Schulz am 14. Nov. in der Tagesschau sagte, dass das, was gerade in Paris geschehen ist, dort Alltag ist. 

In Frankreich sprach der Präsident Hollande von einem Krieg, in dem man sich befinde, andere hochrangige Politiker von einem totalen Krieg. Die Menschen machten sich beim Abzug aus dem Stade de France im Fußgängertunnel Mut mit dem Singen der Nationalhymne. Nebensächlich, dass man gerade einen 2:0 Sieg gegen Deutschland errungen hatte. Und das mag gut sein, sich die Angst zu nehmen.  

 

Mag die Marseillaise auch älter sein und ihr Text nicht mehr aktuell. Sie ist nach wie vor blutrünstig und bewegt zumindest das Unterbewusstsein. Dafür gibt es Hymnen!  Aber auch deshalb und wegen der engen Verbindung zur Trikolore, kann ich als Symbol der Trauer kein bleu-blanc-rouge-Zeichen setzen. Meine Trauer gilt allen Toten, ihren Angehörigen, den Verletzten und von Terror Traumatisierten, in allen Ländern, zu jeder Zeit - und meine Wut gilt den Schuldigen, den Tätern und Strippenziehern, den Verantwortlichen: Mögen sie mit George W. Busch in der Hölle schmoren, im Paradies wird für niemanden von ihnen Platz sein.  

 

Vielleicht wäre es ein Zeichen, wenn irgendwann der aktuelle (Original-)Text der Hymne durch die gleichfalls existierende pazifistische Fassung ersetzt würde, auf die Melodie möchte ich aber nicht verzichten!


Es gibt in der Geschichte der französischen Nationalhymne noch sehr viel mehr unterschiedliche Texte, Versuche also, den Zeitgeist zu treffen.   

La Marseillaise

 

Auf, Kinder des Vaterlands,

Der Tag des Ruhmes ist gekommen!

Gegen uns Tyrannei,

Das blutige Banner ist erhoben. 

Hört ihr auf den Feldern

Diese wilden Soldaten brüllen?

Sie kommen bis in eure Arme,

Um euren Söhnen, euren Gefährtinnen die Kehlen durchzuschneiden.

 

Refrain (nach jeder Strophe):

Zu den Waffen, Bürger,

Formt eure Truppen,

Marschieren wir, marschieren wir!

Unreines Blut

Tränke unsere Furchen!

 

Was will diese Horde von Sklaven,

Von Verrätern, von verschwörerischen Königen?

Für wen diese gemeinen Fesseln,

Diese seit langem vorbereiteten Eisen?

Franzosen, für uns, ach! welche Schmach,

Welchen Zorn muss dies hervorrufen!

Man wagt es, daran zu denken,

Uns in die alte Knechtschaft zu führen!

 

Was! Ausländische Kohorten

Würden über unsere Heime gebieten!

Was! Diese Söldnerscharen würden

Unsere stolzen Krieger niedermachen!

Großer Gott! Mit Ketten an den Händen

Würden sich unsere Häupter dem Joch beugen.

Niederträchtige Despoten würden

Über unser Schicksal bestimmen!

 

Zittert, Tyrannen und Ihr Niederträchtigen

Schande aller Parteien,

Zittert! Eure verruchten Pläne

Werden Euch endlich heimgezahlt! 

Jeder ist Soldat, um Euch zu bekämpfen,

Wenn sie fallen, unsere jungen Helden,

Zeugt die Erde neue,

Die bereit sind, gegen Euch zu kämpfen

 

Franzosen, Ihr edlen Krieger,

Versetzt Eure Schläge oder haltet sie zurück!

Verschont diese traurigen Opfer,

Die sich widerwillig gegen uns bewaffnen.

Aber diese blutrünstigen Despoten,

Aber diese Komplizen von Bouillé,

Alle diese Tiger, die erbarmungslos

Die Brust ihrer Mutter zerfleischen!

 

Heilige Liebe zum Vaterland,

Führe, stütze unsere rächenden Arme.

Freiheit, geliebte Freiheit,

Kämpfe mit Deinen Verteidigern!

Unter unseren Flaggen, damit der Sieg

Den Klängen der kräftigen Männer zu Hilfe eilt,

Damit Deine sterbenden Feinde

Deinen Sieg und unseren Ruhm sehen!

 

Wir werden des Lebens Weg weiter beschreiten,

Wenn die Älteren nicht mehr da sein werden,

Wir werden dort ihren Staub

Und ihrer Tugenden Spur finden.

Eher ihren Sarg teilen

Als sie überleben wollen,

Werden wir mit erhabenem Stolz

Sie rächen oder ihnen folgen.


Erst wenn wir begreifen,  dass wir in einer Spirale der Gewalt gefangen sind, aus der Gewalt nicht herausführen wird, werden wir einen Weg zum Frieden gefunden haben. 

  • "Sprache definiert und verdammt den Feind nicht nur, sie erzeugt ihn auch; und dieses Erzeugnis stellt nicht den Feind dar, wie er wirklich ist, sondern vielmehr, wie er sein muss, um seine Funktion für das Establishment zu erfüllen.", so der Philosoph Herbert Marcuse
  • Die Oberschicht hat einfach mehr vom Recht als die Unterschicht – so Jean-Paul Sartre: "Das Recht ist die Forderung des Stärkeren, als eine Person behandelt zu werden durch den, den er unterwirft. "

Oberschicht sind wir alle, wenn wir in Richtung des Islam schauen - und umgekehrt, wenn jene militanten Kräfte uns anschauen. Wir schätzen einander nicht. Wir müssen erkennen, dass wir in der Vergangenheit zu schnell jenen gefolgt sind, die aus dem Nahen und Mittleren Osten allein Erdöl erwarteten und nun überrascht sind, dass von dort Menschen kommen, die einem jahrzehntelangen Terror entfliehen wollen. Menschen mit Gefühlen, mit Kindern und Zukunftshoffnungen. die nicht vom Hass getrieben, sondern vertrieben werden. Wir müssen umdenken.

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