Flüchtlinge haben Gesichter, Familie und eine Geschichte

Marlen Taha ist eine bewundernswerte Frau. Sie war mit einem Syrer verheiratet und hatte mit ihm 5 Kinder. Die sind heute erwachsen und wohnen nicht mehr bei ihr in Papenburg. Ihre Ehe ist seit langem geschieden. Marlen kann nicht gut gehen, benötigt in aller Regel einen Rollator.

 

Ihr Haus ist aber groß und hat Platz. Also hat sie seit Monaten sechs syrische Flüchtlinge bei sich aufgenommen, um die sie sich auch engagiert kümmert und ihnen bei den Behördengängen hilft, sie bei Anträgen unterstützt, ihnen Mut zuspricht, usw. Ich denke, sie hat auch so eine Art Mutterrolle übernommen.

 

Manches Mal erzählt sie oder berichtet schriftlich.  


Ihre sechs Jungs sind, so erzählte sie, auf allen möglichen Wegen von Syrien hierher gekommen, zu Lande und zu Wasser, sie haben alles erlebt, was man so in den Zeitungen lesen kann und noch mehr. Einer ist Künstler und hat bereits in Syrien gute Erfolge gehabt. Er ist der älteste.


Die anderen sind jünger, haben aber auch Familie, wie man so sagt.

Ich möchte von Asaad erzählen, den ich selber einmal kennengelernt hatte, als er Marlen im Frühjahr im Krankenhaus besuchte. Ein aufmerksamer, freundlicher und hilfsbereiter junger Mann, dessen Asylantrag dann auch bald genehmigt wurde.


Dann erzählte Marlen, dass er zunächst seine Familie (Frau und Kinder) zurückgelassen habe, diese aber nachholen wolle.


Dazu erhielten wir  vor wenigen Tagen die nachfolgende Schilderung:


"Heute möchte ich euch über den Stand der Dinge informieren. Wir haben in den letzten Wochen Unmengen von Formularen ausgefüllt, Dokumente kopiert und für beglaubigte Übersetzungen nach Berlin geschickt. Am 14. Oktober hatte Asaads Frau dann endlich einen Termin bei der deutschen Botschaft in Ankara. 


Leider wurden ihre Papiere nicht akzeptiert. Sie hätte zurück nach Syrien fahren müssen, um sich neue zu besorgen. Natürlich ist das Risiko viel zu groß. Schließlich ist sie nach Izmir gefahren und hat sich dort nachts mit ihren 3 kleinen Kindern in ein Schlauchboot gesetzt. Sie hat geweint vor Angst und wir haben ganz viele Kerzen angezündet und gebetet. Morgens um 6 Uhr ist sie auf einer griechischen Insel gelandet. 

 

Von dort ging es dann am nächsten Tag mit einem großen Schiff nach Athen. Begleitet wurde sie von 2 Cousins, die ihr beim Tragen der Kinder geholfen haben. Innerhalb einer Woche sind sie dann über Mazedonien, Serbien, Kroatien und Slowenien nach Österreich gekommen. Dort ist sie jetzt seit 2 Tagen und wird heute nach Deutschland kommen können. 

 

Vielleicht ist sie in 2 Tagen im Auffanglager Bramsche. Da kann Asaad sie dann endlich wiedersehen. Wir haben auch schon eine Wohnung in Papenburg gefunden. Morgen werde ich mit den Behörden Kontakt aufnehmen, damit die Familie so schnell wie möglich dort einziehen kann."


Dann, etwas später, erfuhren wir, dass seine Frau mit den drei Kindern noch in München ist und er dorthin fahren wird. Das jüngste Kind ist noch ein Baby und wurde nach ihrer Flucht aus Syrien in einem Flüchtlingslager geboren. Gestern berichtete Marlen, dass sie überglücklich - und sicherlich auch ein wenig stolz - alle nun am Bahnhof in Papenburg abholen konnte. 

 

Vielleicht hilft diese Geschichte  besser zu verstehen, weshalb es kein "Ja, aber . . . " geben kann und darf. 


Es wird Flüchtlinge geben, denen man hier das Asyl verweigern wird. Es ist in diesen Zeiten nicht einfach, allen zu helfen, da müssen manche zurückstehen. Aber hinter allen stehen Menschen und ihre Schicksale, Hoffnungen und bittere Erfahrungen, Zukunftsängste und der Wille zu überleben. Wir sollten nicht in der Sicht auf die sog. Wanderungsströme verharren, der oder die  einzelne zählen. Ihr Ansprüche sind zu prüfen. Das ist unser Rechtsstaat, Verfolgten zu helfen gehört zu unseren Werten. 


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