Das Leben ist immer in Bewegung: Veränderungen

Als ich mit 10 Jahren meine Geburtsstadt verließ, bedeutete dies einen ersten kleinen Verlust von Heimat. Wir folgten unserem Vater, der 120 km weiter westlich eine anspruchsvollere Arbeit gefunden hatte. Für mich bedeutete  das eine schulische Neuorientierung, die ich nur lückenhaft verkraftet habe. Der Gedanke an  einen Verlust von Heimat hielt aber nicht lange, sondern der, Neues zu erfahren und zu erleben gewann bald die Oberhand.

 

Als ich dann etwa weitere 10 Jahre später diese Stadt verließ, um 240 km weiter südlich zu studieren, musste meine Bedenken, dass dort in Bochum "mir die Briketts um die Ohren fliegen würden", zunächst überwinden. Aber es stank dort anders, insbesondere bei Smog. Und den Leuten dort habe ich oft erklären müssen, dass man in Oldenburg nicht mit dem Pferd zum Einkaufen reitet.

 

Und heute bin ich mir sicher, dass ich damals die Stadt, in der ich heute 70 km westlich von Oldenburg lebe, jenseits des Randes gewähnt hätte, wäre die Erde eine Scheibe, man lernt immer hinzu.

 

So habe ich gelernt, den PC zu bedienen, statt auf der legendären Monika meine Briefe zu schreiben  - und der PC kann auch noch sehr viel mehr, z. B. Briefe verschicken oder Lexikon spielen. Ach, das ist bekannt? Dann sicher auch der Umstand, dass man als Student in den 70ern zum Telefonieren eine gelbe Zelle aufsuchte - immer genügend Hartgeld dabei, dass man mit einem heimischen Schnurtelefon seinen Freund in der Karibik zwar anrufen konnte, aber nach einer Stunde  das Monats-Gehalt eines Referendars verurtelt hatte.

 

Wir haben inzwischen gelernt, dass es Skype gibt. Wir können sogar mit Handies umgehen, die auch, aber bei weitem nicht als Hauptzweck, zum Telefonieren verwendet werden und noch viel mehr können. Das alles hat Einfluss auf unser Leben genommen und es verändert. Wir haben uns angepasst, eingepasst, arrangiert und unsere Komfortzonen errichtet, jede(r) wie es ihm oder ihr gegeben war.   

 

Wir hatten keinen Krieg vor unserer Haustür und mussten nicht befürchten, dass uns das Häuschen durch Bomben genommen wurde, so wir uns eines erarbeitet hatten, oder dass wir uns um unsere Zukunft Sorgen mussten. Wir konnten verteilen und auch abgeben,  ohne es zu spüren. Da blieben Veränderungen Teil unseres Wachstumsprozesses, kaum gespürt.

 

Wir konnten uns frei bewegen, lernen und fanden Arbeit. Es gab Krisen,  aber die wurden bewältigt, es gab Freiräume - nicht alle wurden genutzt. Überfluss - vergleicht man es mit den Generationen vor uns im selben Land, aber immer noch zu wenig, weil man sich daran gewöhnt.

 

Wir haben uns nach Westen orientiert, nach Osten war eine Grenze, eine "no-go-area" begann, mit Menschen darin, die ein anderes Leben führten - so hatten wir es als unseren Lebensabschnitt empfunden, war so, die 68er-Generation stammte aus dem Westen, war unsere und mehr. Das Jahr 1989 lies die Grenze fallen, Menschen begriffen sich als das Volk und skandierten das, lebten den Traum, den unsere Verfassung immer wieder beschrieben hatte: Wiedervereinigung, erzwangen sie, nach allerdings von uns aufgestellten Regeln.

 

Ich sollte mich darüber als Deutscher freuen, sagte man mir. Ich hatte Angst, was da auf mich zukommen würde, wehrte das für mich ab, sah mich jedoch machtlos, uns alle, etwas dagegen zu tun - und das war gut so. Mein Lebensraum wurde erweitert, neue Kontakte, Erfahrungen führten zu neuen Einsichten. Das eigene Leben wurde vervollständigt. Ich habe gelernt, nicht nur mit Türken zu leben (die sich schon lange in Deutschland aufhielten), sondern auch mit Polen und Russen, welcher Staatsangehörigkeit auch immer, die deutscher Abstammung waren oder auch nicht. Bunt zu werden war nicht das Ziel, aber das Ergebnis.

 

25 Jahre später kommen die Menschen aus dem Süden, lange Zeit zuvor angekündigt, Jahrzehnte. Sie kommen, getrieben aus Kriegsgebieten, um Sicherheit für ihr Leben zu finden. Sie suchen ein Bett,  Schutz vor Hitze und Kälte, etwas zum Essen und Trinken, Sicherheit für sich und ihre Familien, ihre Kinder und eine Perspektive für ihr Leben, denn ihre Heimat wurde ausgelöscht. Jenen, die aus Syrien oder dem Irak kommen, wurde die Auflösung der dortigen staatlichen Strukturen zum Verhängnis. Das entstandene Vakuum wurde durch Barbaren gefüllt, für die ein Menschenleben  nicht zählt. Oder es war der Bürgerkrieg, welcher keinerlei Fronten kennt und wo sich nicht erkennen lässt, wer wofür steht - außer der Zerstörung all dessen, was die Kultur in Jahrhunderten oder die einzelnen Menschen in Jahrzehnten errichtet haben.

 

Aus Afrika flüchten die Menschen aus denselben Gründen - auch wenn es örtlich immer unterschiedlich ist. Aber ohne das erfahrene Leid und ohne jegliche Hoffnung auf eine bessere Zukunft verlässt niemand seine Heimat. Erst recht nicht, wenn der Weg über viele tausend Kilometer führt, Monate, wenn nicht Jahre erfordert und voller Gefahren für das eigene Leben  steckt und das der mitgenommenen Kinder. Hoffnung treibt sie alle, nicht das Wissen um ein besseres Leben, nur die Hoffnung und der Glaube daran.

 

Und auch jene, die aus den nahen Balkanländern kommen, dort, wo der Bürgerkrieg in unserer Wahrnehmung vor 20 Jahren endete, suchen Sicherheit, Zukunft. Auch dort gibt es weiterhin die Unterdrückung der Rechte von Minderheiten - und niemand weiß, wann es dort wieder zu größeren Krisen kommen wird.     

 

Sie sind nicht das Volk, die jetzt kommen, gekommen sind, kommen werden oder wollen. Sie sind die Verzweifelten, die Looser einer Weltpolitik, die um das Eröl  getanzt, Kolonien sich selber  überlassen und auf den globalen Umweltschutz gepfiffen hat, mit der Folge des dramatischen Rückgangs von Ernährungsgrundlagen, Acker- oder Weideflächen. Und es werden in Afrika immer mehr Menschen werden.

 

Wir haben erfahren, dass es 1989 doch funktionierte mit der Integration all des Neuen. Wir waren nicht immer menschlich im Umgang mit einander und es hat unsere Gesellschaft verändert. Wir haben gemeinsam gelernt, dass es geht, dass es geht, wie es in der Geschichte immer schon gegangen ist. Und deshalb bin ich mir sicher, können wir alle uns sicher sein, dass es jetzt auch funktionieren wird, so wir es denn gemeinsam wollen.

 

Es wird uns verändern, unsere Gesellschaft, unsere Gegenwart und Zukunft. Wir werden wachsen, wenn wir nicht immer rückwärts schauen, sondern nach vorne, solidarisch die Ärmsten mitnehmen, dass sie mit den Wohlhabenden teilen können. Ailan und Ghaleb Kurdi werden nicht mit dabei sein können, auch ihre Mutter nicht. Auch ihr Vater wird es nicht wollen, weil er nun ihre drei Gräber in Kobani pflegen wird - solange er noch leben wird.  

Was wir jetzt erleben, wird uns verändern, unser Zusammenleben, Europa und Deutschland. Es wird uns mehr verändern, als wir es uns heute vorstellen können.


Es wird aber auch die nachkommende Generation prägen, denn sie steht vor ihrer Aufgabe, ihre Zukunft erfolgreich zu gestalten:


Teilen, wo es anscheinend nichts mehr zum Teilen gibt - aber dadurch für das Leben zu gewinnen.


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