Da wundert man sich nicht mehr?

Man muss sich Plasberg und seinen Talk "Hart aber fair" ja nicht anschauen, man wird die wesentlichen Dinge schon am nächsten Tag erfahren. Und da der Talk auf eine faire Konfrontation von Meinungen zu einem aktuellen Thema angelegt ist, wird sich jeder Teilnehmer darauf einstellen können - und die Zuschauer argumentativen Klamauk erwarten. Ich brauche das eigentlich nicht.


Dennoch ist es bemerkenswert, dass Roberto Blanco nach der Sendung sagt, dass er sich durch die Bezeichnung "Neger" nicht beleidigt fühlt, der bayrische Innenminister sich dafür aber am nächsten Morgen in N24 entschuldigt. In der Sendung nahm Plasberg den Ball lt. ZEIT-online mit Blick auf einen weiteren Gast in der Runde noch auf : "Ranga Yogeshwar bietet sich auch gerade als Farbiger an, der einigermaßen in Deutschland funktioniert." "Man hat zu mir auch schon mal Neger gesagt", sagte der Journalist Yogeshwar daraufhin. "Das ist einfach so." Wahrscheinlich sei das ein Mangel an Differenzierung. "Das kommt aber mit der Zeit." Und Roberto Blanco verrät, dass er seine dunkle Haut mit Stolz trägt, es aber sicherlich besser sei, von Farbigen zu sprechen.

 

Dennoch bleibt etwas hängen, denn political correctness sollte einem Innenminister ja eigen sein: Gebraucht er in seinem privaten und dienstlich-internen Bereich Sprache auch so schlampig? Das wird im Netz natürlich sofort vermutet und ist kaum zu widerlegen. Und immerhin, das kommt hinzu, ist kürzlich ein Rentner nach dem Gebrauch des Wortes "Neger", so ZEIT-online, 60 Tagessätzten von 30 € verurteilt worden - die Beschimpfung "Scheißamerikaner" schien nicht so schwerwiegend zu sein. Man kann nur festhalten: "Nichts kommt von Nichts."


Die betroffenen Ausländer - wir sehen sie als Fremde - bleiben meist ruhig, haben sogar eine ganze Zeit noch Geduld und Verständnis für uns, ja, sie sind Fremde, ok. Aber wenn wir unsere Sprache und unser Denken nicht ändern und damit auch unser Handeln, werden wir jegliche "Integration" erschweren, weil wir die Fremden ablehnen und dies im täglichen Leben damit demonstrieren. 

 


Da wundert man sich nicht mehr wirklich in der Talkrunde, wenn der bayrische IM von dem Neger Roberto Blanco spricht. Hat man sich so sehr daran bereits gewöhnt? Und auch der Rentner zitiert immer wieder das Lied von den "10 kleinen Negerlein" als Beleg für seine Unschuld. 


Wir hatten die Diskussion um das Umschreiben bestehender Literatur, weil diese nicht mehr  - nach heutigen Maßstäben - der politischen Korrektheit entsprechen. Dagegen hatte ich mich immer gewandt. Das was war, sollte man so bezeichnen.


Aber für das was ist oder kommen wird sollten wir schleunigst die richtigen Begriffe finden, denn wir leben in einer Wendezeit,  die jede uns bis heute bekannte Wende in den Schatten stellen wird.


Man darf sich also wundern, das die Worte des IM ohne jede weitere faire Reaktion in der Talkrunde blieben sind - fair gegenüber den Menschen, die jetzt und morgen kommen und auch schon da sind.


Kommentare: 2 (Diskussion geschlossen)
  • #1

    Stefan MB (Mittwoch, 02 September 2015 17:10)

    Irgendwie verstehe ich die Aufregung um den Begriff "Neger" nicht. In meiner Kinderzeit (50er Jahre) bezeichnete man mit diesem Wort Menschen mit stark dunkler Hautfarbe in Afrika. Das war für mich in keinster Weise diskriminierend, sondern nur eine genauso neutrale Bezeichnung wie z. B. Chinese oder Indianer. Und für mich persönlich ist das auch heute noch so. Dazu gab es auch noch den Begriff "Mohr" für mehr bräunliche Hautfarbe. Nur in den USA war das anders. Der dortige Begriff "Nigger" ist dort ein Schimpfwort und deshalb diskriminierend. Aber unser alter Begriff Neger ist nicht Nigger (USA) und deshalb nicht diskriminierend. Bitte etwas mehr Differenzierung und Sachlichkeit. Das könnte man eigentlich auch vom Journalismus und der Politik erwarten.

  • #2

    EndeOffen (Mittwoch, 02 September 2015 22:12)

    Seit den 50er Jahren hat sich einiges geändert - nichts und niemand zwingt einen, dass selber mit sich zu tun, aber es hilft, die Gegenwart besser zu verstehen. Und die ist bestimmt von Menschen sehr unterschiedlicher HERKUNFT. Sie zu bezeichnen bedient man sich gemeinhin der Nationalitäten oder Staatsangehörigkeiten, nicht rassischer Merkmale. Das sollte man auch und gerade heute tun, wenn es um die Integration von Menschen "fremder" Herkunft geht - das erfordert schon das Prinzip derselben Augenhöhe.

    Rassische Bezeichnungen werden daher als Diskriminierung zu werten sein, da sie einseitig auf Fremde angewandt werden - die Bezeichnung "Bleichgesicht" würden wird kaum für uns gelten lassen. Genauso sind Begriffe wie "krauts" oder "boche", Deutschen gegenüber in den 50er Jahren durchaus geäußert, heute eher geächtet.

    Hautfarbe, Augen- oder Nasenform bzw. deren Merkmale durch Umschreibung mit einem weiteren Begriff, sind keine Bezeichnungen für Menschen, in der Jetztzeit. Schon lange nicht mehr. Sie reduzieren den Menschen auf seine Andersartigkeit, statt das Gemeinsame zu suchen. Der Gebrauch von Sprache lässt daher immer auch einen Rückschluss auf das zugrunde liegende Denken zu.

    Problematisch wird es m. E. nur, wenn man Begriffe rückwirkend außer Kraft setzen will, sie also "aus ihrer Zeit nehmen" will. Das ist ahistorisch und kommt einer Bücherverbrennung gleich. Man sollte jedoch immer wissen, wofür ein Wort steht.