Über die wirkliche Größe eines Staates

Jorge Ramos, 57, Starmoderator des spanischsprachigen TV-Senders Univision (USA): ". . . Für Deutschland wie für die USA gilt aus meiner Sicht: Die Größe eines Landes bemisst sich nicht daran, wie es mit den Mächtigen umgeht. Die Größe eines Landes bemisst sich daran, wie es mit den Machtlosen umgeht."

Dies sagte er in einem Interview mit Spiegel-online (SPON) nach seinem Rauswurf aus einer Pressekonferenz mit Donald Trump, dem Bewerber um eine republikanische Präsidentschaftskandidatur. Trump ist Milliardär und steht für rückwärts gewandte Thesen einer us-amerikanischen Gesellschaftsentwicklung.

 

Sollte Trump kandidieren und sogar zum Präsidenten gewählt werden, bestätigt dies die elitäre Dummheit der US-Amerikaner. Sicher nicht eines Jeden, denn auch dort sind es Menschen, die einen Staat bilden - aber die haben schon lange keinen Bock mehr auf den. Den Präsidenten haben seit dem Vietnam-Krieg (1968) nie mehr als 60 % der Wahlberechtigten gewählt, trotz dessen Machtfülle weltweit - das interessiert dort aber keinen. Und uns bliebe dann ein zunehmendes Sicherheitsrisiko.


Was macht die wirkliche Größe eines Staates daher aus? Die Idee von Jorge Ramos, dass der Umgang mit den Machtlosen entscheidendes zu dessen Größe aussagt, ist bestechend und spricht für den Beginn einer neuen Zeit. Die bestehenden Wertvorstellungen werden umgekehrt, nicht der Stärkere (und dabei auch durchaus Gütige) gibt die Richtung vor, sondern der Schwache und Machtlose fordert unsere Zuwendung ein, deren Gewährung als Erfolg oder Misserfolg gewertet unsere Größe bestimmt. Wobei die Gewährung nicht für ein Gönnertum steht, sondern unsere Bereitschaft beschreibt, jedem die Hand zum Miteinander zu reichen - nach gemeinsamen Regeln, nicht allein unseren. Und zu helfen Defizite auszugleichen.


Dahinter steht aber auch der Gedanke, dass es den Staat zur Regelung der Angelegenheiten der Mächtigen nicht mehr braucht, zumindest nicht mehr im derzeitigen Umfang. Das wäre fatal. Wir müssen aber erkennen, dass wir vor einer Zeitenwende stehen, Ende offen.        

  

Der Staat wird sich neu definieren - aber zuvor die Gesellschaft, denn in ihr bildet sich der Staat.


Ich erinnere mich an 1968/69, kurz vor meinem Abitur. Das politische System der alten Nachkriegs-BRD begann sich aufzulösen. Für mich wurde es ein anderes Land, für die Generation meiner Eltern dagegen ein schwieriger Wertewandel, sie hatten ja schon Werte entwickelt. Ich empfand dieses Land als normal.


Meine Generation definierte ihre Zeit mit den neuen Werten der 68er - was immer das bedeutete. Wir fühlten uns frei, als Europäer, nahmen Handys, Euros und alles mögliche. Änderten das auch 1989 nicht - dem Jahr des Mauerfalls. Es kam was dazu. Wir lebten ahistorisch in einem Zeitfenster, welches uns die unmittelbaren Kriege vor der Haustür ersparte, viele lange Jahre.


Sascha Lobo (Unternehmensberater) hat kürzlich die These aufgeworfen, dass sich die jetzige Generation durchaus ihre Gesellschaft über den (positiven) Umgang mit Flüchtlingen definieren wird. Es wäre zu hoffen und bedeutet dann den Weg zu einem groß(-artig-)en Deutschland.


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